… und weiter geht´s in Jakomini

Jakomini ist nicht nur der bevölkerungsreichste Bezirk in Graz, er ist auch flächenmäßig sehr groß. Deswegen kann ich nicht annähernd alle Lieblingsplatzerln anführen, sondern eher nur „Mut zur Lücke“ beweisen und vielleicht Lust darauf machen, in einem Kommentar das eigene Lieblingsplatzerl zu beschreiben!

Wie schon gesagt, es geht um Plätze – nicht (nur) im Sinne jener Definition, die einen Platz im städtebaulichen Kontext als eine in der Regel von Gebäuden umbaute freie Fläche, oft Brennpunkte des öffentlichen Lebensbeschreibt, sondern im weitesten Sinne um Orte der Begegnung, des Rückzugs, der Erinnerung, Orte, die einem Kraft geben, Orte, die Ideen und Visionen wecken, …

Plätze können dabei ganz unterschiedliche Ausmaße annehmen, so ist z.B. der Platz des himmlischen Friedens (Tian`anmen Platz) in Peking mit einer Fläche von 39,6 ha der weltweit größte Platz! Für die Bedeutung, die ein Platz für einen Menschen haben kann, ist die Größe jedoch nicht maßgeblich.

Plätze und Orte werden vielmehr je nach Lebensabschnitt anders erlebt und wahrgenommen. Berufstätige Menschen nutzen ihr unmittelbares nachbarschaftliches Umfeld vielfach ganz anders als jene, die mit einem größeren Zeitkontingent oft auch regelmäßiger und öfter im öffentlichen Raum verweilen. So hat beispielsweise meine Kollegin Anna, während ihrer Elternkarenz ihr Wohnumfeld viel bewusster wahrgenommen, weil sie beim täglichen Spazierengehen immer wieder Menschen begegnet ist, die ähnliche Routinen haben, sei es der Megaphonverkäufer vor dem Spar, der Briefträger, der vormittags unterwegs ist, ….

Doch neben dem Zeitkontingent entscheiden oftmals auch andere Kriterien. So gibt es da noch die 82-jährige Dame, die – in ihrer Mobilität durch kranke Arme und Beine sehr stark eingeschränkt – gezwungen ist, ihre Wohnung als einzig verbliebenes Lieblingsplatzerl zu akzeptieren. Aber befragt nach Plätzen aus der Vergangenheit erzählt sie gerne: von einer Kindheit in einem sehr strengen Elternhaus, von eher heimlichen Ausflügen auf diverse Spielplätze, die damals eher Parkanlagen gleichkommen und von denen manche anno dazumal einen nicht allzu guten Ruf genießen  (z.B. Augarten – wohlgemerkt DAMALS!) und von einer Spielplatzgestaltung, die eine so ganz und gar andere war als die heutige, TÜV-geprüfte, pädagogisch wertvoll geplante (z.B. Bombenschutthaufen am Felix-Dahn-Platz!).

In ihrer Jugend, so erinnert sie sich, gibt es abgesehen von den Spielplätzen auch Platzerl wie den Hafnerriegel, wo sich heimlich Liebespärchen treffen und von wo man auch im Falle einer nachkommenden, erbosten, den Teppichpracker schwingenden Mutter leicht in Richtung Petersgasse entkommen kann.

Die alte Dame erzählt mir auch von der Nachbarsfamilie aus dem Stockwerk darüber, die sie und ihre Familie über Jahre hinweg mit Essen versorgt haben, nachdem deren Vater früh verstorben war. Eigentlich, so beschreibt es meine Gesprächspartnerin – ist das Essen aber die Gegenleistung dafür, dass die Tochter dieser Nachbarsfamilie bei Fliegeralarm immer dafür sorgt, dass auch die Familie der alten Dame vollzählig und rechtzeitig in den Schutzkeller kommt. Und wenn sie an Lieblingsplatzerl denkt, fällt ihr eben auch diese Nachbarsfamilie ein, in der sie immer willkommen war, in der viel miteinander gesprochen und einander zugehört wurde.

Zum Thema Spielplatz spreche ich auch mit einer Gruppe der heutigen „Spielplatz-Generation“ und da fällt auf, dass auf der einen Seite die Zeit stehengeblieben scheint. Die Burschen erzählen mit leuchtenden Augen wie sie Banden gründen, um dann gegen andere Banden um den Fußballplatz zu spielen. Wer verliert muss gehen, so die Regel. Kann passieren, dass sich ein Erwachsener einmischt und andere Regeln aufstellt. Die Burschen behaupten aber, die Lage meistens im Griff zu haben. Wenn viele Ältere am Platz spielen, dann suchen sie sich gleich etwas anderes: Verstecken und Abfangen werden auch heutzutage noch gespielt. Diese Kinder sind alleine am Spielplatz, auf meine Frage hin, erklären sie aber, dass ihre Eltern schon immer wissen, wo sie seien.

Wer weiß bei welcher Veranstaltung letzten Sommer sogar Pferde den Augarten genossen haben?

Auf der einen Seite hat sich die Nutzung von Spielplätzen stark verändert. Am Beispiel des Augartens kann man diesen Aufstieg gut nachverfolgen. Vor ein paar Jahrzehnten noch eine Anlage mit eher zweifelhaftem Ruf, in der sich aufzuhalten manche Eltern ihren Kindern untersagt haben. Heute eine gepflegte Parkanlage (wenn man von der Baustelle jetzt einmal absieht), in der an warmen Tagen Menschen in der Wiese liegen, auf Slacklines balancieren (und einen sogar mitmachen lassen), Yoga auf Bäumen praktizieren (auch das gibt es!), Eltern ihre Kinder auf den Spielplatz begleiten, Feste stattfinden, … oder sogar Pferde spazieren gehen.

Das alles und noch viel mehr macht also den Bezirk Jakomini aus und es wäre gelogen zu behaupten, es ist noch alles so, wie es damals zu meiner Zeit hier war. Ganz im Gegenteil, es sind seitdem 20 Jahre vergangen, in denen der Bezirk lebt, sich weiterentwickelt, Neues entsteht, verschwindet wieder oder bleibt bestehen, Menschen kommen und gehen, …

Es ist schön zu sehen, dass es so viele gibt, die die Initiative ergreifen und sich für ihre Ideen einsetzen. Auch wenn es passieren kann, dass einem nicht jede dieser Ideen voll zusagt, ist es doch ein Zeichen dafür, dass dieser Bezirk lebt.

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