Traditionsreiches Wohnen am Erbhof

Alle unter einem Dach: Messners Erbhof hat vielen Generationen der Familie Kollreider ein zu Hause geschenkt. Die Gegenwärtige unterbricht nach mehr als 500 Jahren erstmals das generationenübergreifende Zusammenwohnen. Ich frage Anna Kollreider, warum diese Veränderung gut tut und wie man am Land lebt und wohnt.

 

 

 

Anna, wie beschreibst du deine Wohnsituation?

Anna: Ich wohne mit meinem Mann in einem 600 Jahre alten Bauernhaus mit 400 Quadratmeter Wohnfläche. Es ist das erste dokumentierte Haus im Dorf. Seit 500 Jahren ist der Familienbesitz des Hofes urkundlich festgehalten, weshalb der Hof auch den Namen Erbhof trägt. Über die Jahrhunderte wurde das Haus immer wieder den Bedürfnissen der Bewohner angepasst und renoviert. Das letzte Mal vor 16 Jahren, als mein Mann einen Unfall hatte und seither auf den Rollstuhl angewiesen ist. In dieser Zeit haben wir das Haus barrierefrei umgebaut.

Was ist dir in deinem Wohnumfeld wichtig?

Anna: Wir wohnen etwas abgeschieden von der Stadt, was in mancher Hinsicht nachteilig ist. Zum Einkaufen brauchen wir ein Auto, wir können Dinge nicht fußläufig erledigen. Ebenso wenig ist es möglich, spontan Kulturveranstaltungen, Theater oder Kino zu besuchen. Ich bin bereits in Pension. In meinen Berufsjahren war ich als Lehrerin der Landwirtschaftsschule in Lienz tätig. Lienz ist 36 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Die Distanz macht es schwieriger meine ehemaligen Arbeitskolleg_innen regelmäßig zu treffen und Freundschaften aus dieser Zeit zu pflegen. Aber auch das Landleben hat seine attraktiven Seiten, dessen Annehmlichkeiten ich nicht missen möchte.

Welche sind das für dich?

Anna: Es ist mir sehr wichtig, Familie um mich zu haben. Im Dorf leben meine Mutter und vier meiner insgesamt acht Geschwister. Darüber hinaus wohne ich in einem sehr guten und stabilen nachbarschaftlichen Umfeld, in dem man sich gegenseitig unterstützt. Ich schätze es sehr zu wissen, dass mir Nachbarn helfen, sollte etwas passieren, wie beispielsweise, dass mein Mann aus dem Rollstuhl fällt. Wenn mir Lebensmittel ausgehen und ich schnell Brot, Kaffee oder Milch brauche, kann ich jederzeit meine Nachbarn darum bitten. Ich merke, dass mir Nachbarschaft im zunehmenden Alter wichtiger geworden ist und auch meine Nachbarn schätzen es, dass ich nun – seit ich nicht mehr arbeite – mehr Zeit für Gespräche habe.

Aber Nachbarschaft hatte bereits früher, als meine zwei Kinder klein waren, einen sehr hohen Stellenwert für mich. Damals haben rund 20 Kinder in unmittelbarer Nähe zueinander gewohnt. Die Kinder spielen draußen, beleben die Straße und die (Groß-)Eltern sitzen auf einer Bank und schauen dabei zu. Diesen regen Austausch erlebe ich heute noch genauso, wenn meine Enkelkinder zu Besuch sind.

Wie hat sich dein Leben in diesem Haus im Laufe der Zeit verändert?

Anna: Das Haus, in dem ich wohne wurde seit jeher als Mehrgenerationenhaushalt geführt. In den 1950er Jahren beispielsweise haben hier 15 Personen unter einem Dach gewohnt. 1972, als ich eingezogen bin, waren bereits weit weniger Personen im Haushalt lebend. Mein Mann und ich sind die erste Generation in der unsere Kinder – bzw. wie es früher üblich war, der erstgeborene Sohn – einen eigenständigen Haushalt führt und nicht mit seiner Familie am Hof lebt. Ich bin sehr froh darüber, dass sich die Zeiten dahingehend geändert haben, denn die unmittelbare und ständige Nähe des Zusammenlebens beeinträchtigt die Beziehung der Generationen zueinander. Jede Generation hat ihren eigenen Lebensentwurf und kann diesen erst dann verwirklichen, wenn sie frei in der Gestaltung ist.

Wie beurteilst du deine Gestaltungsfreiheit rückblickend?

Anna: Die größte Herausforderung des Zusammenlebens war für mich der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten im Haus. Außer dem Schlafzimmer haben mein Mann und ich alle Räumlichkeiten auch mit den Schwiegereltern geteilt und konnten nirgends für uns alleine sein.

Damals gab es noch kein WC und auch kein Badezimmer mit Dusche oder Badewanne. Wir haben im Laufe unserer ersten Ehejahre begonnen das Haus umzubauen und zu sanieren. Ein Modernisierungsschritt, der uns möglich war, weil wir beide berufstätig waren. Die ältere Generation hat davon maßgeblich profitiert. Umgekehrt war ich sehr dankbar, dass ich meinem Beruf nachgehen konnte, weil sich meine Schwiegermutter bereit erklärte meine Kinder zu betreuen. Eine Möglichkeit der Fremdbetreuung, wie es heute Krippen oder Ganztageskindergärten darstellen, war zum damaligen Zeitpunkt nicht vorhanden. Und obwohl die eben erwähnten Unterstützungsleistungen einerseits Positives mit sich bringen, werden sie andererseits zur Belastung. Meine Schwiegermutter und ich hatten mitunter unterschiedliche Vorstellungen in der Kindererziehung und jede für sich auch Rollenerwartungen an das Gegenüber. So wäre es für mich beispielsweise in jungen Jahren undenkbar gewesen, mich wochenends in einem Liegestuhl zu sonnen. Die Arbeit im Haus bzw. am Hof gehen selbstverständlich nie aus und ich muss zugeben, in der Sonne zu liegen und zu entspannen, hätte meinem Selbstbild nicht entsprochen. Aber abgesehen davon, fühlte ich auch eine Erwartung von außen, Arbeiten ungefragt zu sehen und nachzugehen.

Was hast du aus dem Zusammenleben mit der Großfamilie gelernt?

Anna: Man lernt sich zurückzunehmen. (lacht) Wenn ich zurückdenke, habe ich oft versucht, die eigenen Emotionen und Vorstellungen zu unterdrücken, um Konflikte zu vermeiden. Auf lange Sicht ist das aber nicht hilfreich: besser ist, das konstruktive Gespräch zu suchen und unterschiedliche Perspektiven abzugleichen. Was meine Kinder betrifft, so bin ich sehr froh und glücklich, dass sie in einem Mehrgenerationenhaushalt aufgewachsen sind. Eltern und Großeltern schenkten familäre Geborgenheit. Auch vermittelte Werte wie gegenseitige Rücksichtnahme und das Bewusstsein für Bedürfnisse von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen war eine Bereicherung.

Wie würdest du in deinen Träumen wohnen?

Anna: Ich wohne in einer sehr schönen Umgebung. Ich habe meine Familie in der Nähe. Ich habe ein gutes Umfeld. Mir geht nichts ab. Ich liebe dieses Haus und ich genieße es, in meinem Liegestuhl vor dem Haus in der Sonne zu liegen. Ich würde sagen, ich lebe meinen Traum. In diesem Haus ist meine Seele. Hier gehe ich nicht mehr weg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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