Leben wo die Liebe wohnt

Siedelkartons ein- und auspacken wird für Gudrun Chase im Laufe ihres Lebens zur Routinehandlung. Immer wieder ist sie mit ihrer Familie umgezogen. Meistens innerhalb der USA. Die letzten Jahre hat sie in Deutschland gelebt. Vor wenigen Monaten ist sie mit ihrem Mann in die USA zurückgekehrt. Sie lebt in Compass Point, einer Wohnsiedlung für Menschen im Pensionsalter. Nun ist sie gekommen, um zu bleiben.

Gudrun, wie beschreibst du deine Wohnsituation?

Gudrun: Ich wohne in einer geschlossenen Wohnsiedlung mit einem Portier, wie es in amerikanischen Siedlungen häufig vorkommt. In dieser Siedlung befinden sich derzeit 2400 Einfamilienhäuser, die zu 95 Prozent von Menschen bewohnt werden, die über 55 Jahre alt sind. Junge Leute mit Kindern ziehen hier nicht hin. Die Siedlung ist zugeschnitten auf Menschen, die sich am Ende ihres Erwerbslebens befinden oder bereits in Pension sind. Mit dem Ziel gleichaltrige Menschen zusammen zu bringen, ist das Konzept auch darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse, die Menschen in diesem Alter haben, abzudecken. Dabei wird hier vor allem im Freizeitsektor sehr viel geboten: Schwimmen, Tennis, Golf, Fitnessstudio bis hin zu Kursen wie Malen, Handwerken, Literaturclubs.

Was hat diese Wohnform für dich attraktiv gemacht?

Gudrun: Mein Mann und ich haben ganz bewusst nach solchen Communities gesucht. Ich habe zwei erwachsene Kinder, die auch in den USA leben. Mein Sohn lebt in Seattle, an der Westküste. Meine Tochter hat sich in Boston, über 1000 km entfernt von hier, niedergelassen. Ich vermisse es nicht unbedingt in der Nähe junger Leute zu wohnen. Natürlich wünsche ich mir meine Kinder oft zu sehen und verbringe sehr gerne Zeit mit ihnen. In unmittelbarer Nähe von ihnen zu leben oder gar im selben Haus zu wohnen, käme für mich nicht infrage, denn es würden sich zwangsläufig Konflikte einstellen, die mit einer größeren Distanz vermeidbar sind. Fragt man die Eltern- oder Großelterngeneration, die in Mehrgenerationenhaushalten aufgewachsen sind, so berichten sie von vielen Konflikten unter den Beteiligten. Ich bin zufrieden in einem Umfeld mit lauter Gleichgesinnten zu wohnen und ich kann mich jederzeit in meine eigenen vier Wände zurückziehen, wenn ich das möchte.

Man befindet sich sozusagen immer in seiner Komfortzone…?

Gudrun: Ja genau, das ist eine gute Beschreibung. Natürlich bin ich nicht hierhergezogen, um mich von meinen Kindern zu entfernen. Im Gegenteil. Aber ich habe kein Interesse mit ihnen zusammen zu wohnen. Und auch sie haben kein Interesse mit mir zu wohnen. Wenn ich mich mit Leuten hier unterhalte, dann spüren viele dieselben Ambivalenzen. Sie sind einerseits traurig, nicht näher bei den Kindern zu wohnen und fühlen sich andererseits glücklich und befreit, nicht regelmäßig in die Pflichten des Familienalltags ihrer Kinder eingebunden zu sein. Ambivalenzen, wie sie zwischen den Generationen normal sind, denke ich. Ich habe auch meine Mutter gepflegt und das gerne gemacht. Es wäre für mich anders nicht in Frage gekommen. Letztlich gibt man viel von sich und macht Abstriche. Ich bin jetzt in einer vielleicht kurzen Phase meines Lebens, in der ich nochmal durchatmen kann, in der ich zwar arbeiten könnte, aber nicht muss und in der ich unbeschwert reisen kann. Das möchte ich ausnutzen. Natürlich übernehme ich bei Bedarf gerne die Fürsorge meines Enkelkindes. Eine regelmäßige Fürsorge ist allerdings mit großer Anstrengung verbunden und junge Eltern nehmen diese Aufgabe auch mit einer gewissen Berufung an. Als Großmutter, die selbst zwei Kinder großgezogen hat, kann ich mich nun etwas zurücklehnen und zu ihnen sagen: „Nun macht ihr mal.“

Was ist dir in deinem Wohnumfeld wichtig?

Gudrun: An meinem gegenwärtigen zu Hause schätze ich die Nähe zum Atlantik. North Carolina ist für uns auch deshalb attraktiv, weil das Land im Westen auch über eine sehr schöne Berg- und Hügellandschaft verfügt. Das Klima ist sehr mild und warm. Abgesehen von den landschaftlichen und klimatischen Vorzügen sind die Immobilienpreise hier auch vergleichsweise moderat. Viele Menschen aus dem Norden, allen voran aus den Neuengland Staaten, siedeln sich im Pensionsalter hier an. Früher gab es unter den Pensionist:innen eine regelrechte Völkerwanderung nach Florida. Mittlerweile erstreckt sich dieser Trend über die gesamten Südstaaten.

In der Wohnanlage selbst genieße ich sowohl das Frei- als auch das Hallenbad, weil Schwimmen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Ich bin auch froh über die gesellschaftlichen und politischen Angebote in meinem Wohnumfeld: ich bin dem Buchklub beigetreten und habe bewusst nach einer Gruppe gesucht, die meine parteipolitischen Interessen vertritt: die Compass Pointe Democrats. In dieser Gruppe habe ich sehr nette Frauen kennen gelernt. Im Buchklub war ich bislang erst einmal, aber ich bin auch erst Ende September eingezogen.

Lebst du in einer städtischen oder ländlichen Umgebung?

Gudrun: Weder noch. Ich lebe im suburbanen Raum, ca. 20 Autominuten von Wilmington entfernt. Wilmington ist eine Universitätsstadt mit einer großen Universität, was der Stadt einen leicht urbanen Charakter verleiht.

Wie und wo hast du früher gewohnt?

Gudrun: Mein Mann ist gebürtiger Amerikaner. Ich habe ihn in Deutschland kennengelernt. Wir sind gemeinsam in die USA ausgewandert, dann aus beruflichen Gründen meines Mannes innerhalb der USA mehrmals umgezogen. Als die Kinder volljährig waren, haben wir wieder einige Jahre getrennt voneinander außerhalb der USA gelebt. Ich habe in diesen Jahren im Haus meiner Mutter in Deutschland gewohnt und dort gearbeitet. Mein Mann war beruflich in Afghanistan, später dann auch wieder in Deutschland. Diese vielen Umzüge habe ich mir nicht freiwillig ausgesucht. Rückblickend würde ich heute gerne an einem Ort – am liebsten in Deutschland – verankert und in einem festen Freundeskreis eingebunden sein. Das stand so nicht in den Sternen. Ich liebe meinen Mann und unsere Beziehung verlangt uns Kompromissbereitschaft ab.

Wenn du lieber in Deutschland geblieben wärst, warum hat es nicht sein sollen?

Gudrun: Deutschland wäre für uns nur in Frage gekommen, wenn auch die Kinder dort wohnen würden. Da sich beide in den USA niedergelassen haben, hat das Pendel auch für uns nach USA ausgeschlagen. Für mich ist das Gefühl wichtig gemeinsam in den USA zu leben, auch wenn wir weit voneinander entfernt sind.

Wie schlägt sich deine Umzugserfahrung in der Gestaltung des Hauses nieder?

Gudrun: Ich denke mein Haus sieht nach wie vor aus wie eine Studentenwohnung. Wenn ich in die Häuser meiner Nachbar:innen gehe, habe ich das Gefühl, sie legen sehr viel Wert auf die Innenraumausstattung. Ihre Wohnräume könnten Vorlagen für amerikanische Einrichtungssendungen sein.

Lebt man reduzierter, wenn man viel umzieht?

Gudrun: Ja, eindeutig. Ich bin noch keine Marie Kondo geworden, aber ich miste intensiv aus und dann kommen Sachen weg, die mich kurz begleitet haben und es gibt welche, die mich vom Anfang bis zum Ende begleiten. Dinge also, die jeden Umzug mitmachen. Das ist interessant. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Der Versuch, mich nach dem Vorbild einer Fernsehsendung einzurichten, scheitert. Denn schlussendlich kommt doch wieder MEIN ganz persönlicher Wohnstil zum Vorschein.

Wie würdest du in deinen Träumen wohnen?

Gudrun: In meinen Träumen wohne ich auch in einem Einfamilienhaus. Dieses Haus besitzt viel Heimat, denn es steht nicht in den USA, sondern dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe, in Hessen. Das hat auch damit zu tun, dass ich mit der deutschen Kultur viel besser zurechtkomme. Das Haus befindet sich in einer schönen Landschaft. Es steht auf einer Anhöhe, umgeben von Wald, mit Blick auf Weinberge. Darüber hinaus ist es in eine gute Infrastruktur eingebettet, denn es befinden sich attraktive Einkaufs- und Kulturangebote in unmittelbarer Nähe.

Aber zurück zur Wirklichkeit: ich stelle fest, dass nicht das Haus oder der Ort, wo dieses steht, wichtig für mich sind. Mein Mann und ich haben viel getrennt gelebt und in unserem Leben einiges an Herausforderungen meistern müssen. Für mich ist daher nur eines von Bedeutung, und zwar dort zu leben, wo wir zusammen sein können.

 

 

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