Wetzelsdorf: Von einer Wüste, einer Bio-Landwirtschafts-Achse

… und gelebter Multikulturalität

Meine InterviewpartnerInnen für den Nachbarschafts-Blog wähle ich nicht nach festgeschriebenen Kriterien oder Richtlinien aus, sondern spontan, nach Bauchgefühl oder manchmal durchaus auch zufällig. Umso interessanter finde ich es, dass sich bei meinen GesprächspartnerInnen schon öfters ein “roter Faden” bzw. gewisse Gemeinsamkeiten herauskristallisiert haben. So auch dieses Mal.

Beide, Herr Bezirksvorsteher Sauermoser und Klaus, ein guter Freund von mir, sind “alte” Wetzelsdorfer. Soll heißen, sie wohnen nicht nur im Bezirk sondern sind in diesem aufgewachsen und erinnern sich offensichtlich sehr gerne an diese Zeit zurück. Das gemeinsame Thema in unseren Gesprächen sind nämlich eindeutig die Spielplätze ihrer Kindheit.

So auch das von beiden als Lieblingsort genannte Platzerl rund ums Kirchlein St. Johann und Paul, das auch als Wahrzeichen von Wetzelsdorf fungiert. Für das Kulturhauptstadt-Jahr 2003 schön renoviert, ist das Kirchlein nach wie vor ein beliebtes Ausflugsziel. Am jeweils letzten Sonntag im Juni wird der Namenstag von Johann und Paul (26.6.) mit einem Festgottesdienst gefeiert (heuer im Freien, am 26.6. von 19.00 – 20.00 Uhr, mit anschließendem Wettersegen über die Stadt Graz). Heute mit naturnahen Spielgeräten ausgestattet, hat es anno dazumal als ideales Räuber+Gendarm – Areal hergehalten, berichtet Herr Bezirksvorsteher. Klaus wiederum schwärmt vom Duft der Zyklamen, der an warmen Augustabenden schon fast berauschende Dimensionen annimmt, und auf alle Fälle einen Ausflug lohnt. Die auch Alpenveilchen genannten Blumen verschönern den Waldboden nahe der kleinen Kirche fast flächendeckend.

Ein weiterer Spielplatz, der schon lange existiert und früher sogar ein kleines Schwimmbad hatte, ist jener in der Wachtelgasse (zwischen Wachtelgasse, Josef-Bayer-Gasse und Arnethgasse). Es gibt seitens des Bezirksrates sogar die Idee, mit zusätzlichen Turngeräten eine Art kleinen Motorikpark zu schaffen.

Klaus berichtet von einer Fläche rund um das Areal der Heimgärten in der Nähe der Frühlingsstraße, die von den Kindern und Jugendlichen damals “die Wüste” genannt wurde. Hört man sich die Beschreibung vom regelrecht zu einer Halle ausgehöhlten Brombeeren-Dornengebüsch und den alten, knorrigen Obstbäumen an, würde wahrscheinlich eher der Begriff Dschungel zutreffen. Ganz egal, für die Jugendlichen und Kinder – selbstverständlich nur für Eingeweihte! – war es DAS Paradies. In diesem Paradies, dessen Eingang unter dem Blätterdach der Bäume für die Mütter im angrenzenden Hochhaus nicht einsehbar war (wer weiß, vielleicht haben sie es auch gar nicht versucht…), wurden also diverse Erfahrungen gesammelt.

So wurden die “Kukuruzhaare” in karierte Schulheftblatteln gewickelt und geraucht. Ob der Uhu, mit dem das ganze zugeklebt wurde, ein zusätzliches Aroma ergeben hat, ist allerdings nicht überliefert. Getrocknete Bananenschalen hingegen wurden zu “Härterem” verarbeitet.

Zweimal im Jahr wurde “die Wüste”, die ja eigentlich ein Dschungel war, von Häftlingen aus der Justizanstalt Graz-Karlau gemäht. Das allein war für die Jugendlichen schon eine spannenden Geschichte für sich, die unendlich viele weitere Möglichkeiten mit sich brachte: die Häftlinge mähten in Fesseln mit der Sense das hohe Gras. Das Heu wiederum war vielseitig verwendbar, speziell als vermeintliche Abfederung für Sprünge von den Bäumen. In Klaus´ Erinnerung kamen die offenbar schon bereit stehenden, elterlichen medizinischen Notfallkoffer damals recht häufig zum Einsatz.

Ach ja, und mindestens 7 Mal (!) hat “die Wüste” gebrannt: so richtig und vollständig. Übrigens jedes Mal selbst verschuldet (siehe oben: Experimente zum Thema “Rauchen”), ein Glück, dass nie etwas Schlimmes passiert ist.

Wetzelsdorf ist aber nicht nur von Spielplätzen geprägt. Bezirksvorsteher Sauermoser ist auch stolz auf die – wie er sie nennt –  “Bio-Landwirtschafts-Achse” in seinem Bezirk. Auf selbiger liegen die Land- und forstwirtschaftliche Fachschule Grottenhof, deren Hofladen sich großer Beliebtheit erfreut, der Steiermarkhof, der sich als Bildungs-, Tagungs- und Kulturzentrum der Landwirtschaftskammer Steiermark als Nahtstelle zwischen dem urbanen und ländlichen Raum versteht und Bio Ernte Steiermark, DIE Wertegemeinschaft von Biobäuerinnen und Biobauern. Das ist insofern kein Zufall, als das heutige Wetzelsdorf schon vor hundert Jahren landwirtschaftlich geprägt war. Neben riesigen Äckern der vier Großgrundbesitzer gibt es damals auch kleine Keuschler. Straßgang ist zu dieser Zeit noch ein eigenes Dorf, die Kärntner- bzw. Straßgangerstraße sind bestenfalls breitere Wege. Im Bezirkstrommler vom Juni 2019 sind dazu noch interessante Details nachzulesen.

Neben den Spiel- und Sportplätzen und der Bio-Landwirtschaftsachse gibt es noch eine auffällige Kumulation im Bezirk Wetzelsdorf: die der militärischen/polizeilichen Anlagen nämlich. Zugegeben, die Hummelkaserne ist eine Ex-Kaserne und wird gerade als Wohnsiedlung fertig gestellt, aber die Belgier-Kaserne, die das Kommando der Streitkräfte und der internationalen Einsätze beherbergt, die Schießanlage Feliferhof, deren dunkle Seite in der Vergangenheit uns eine ewige Mahnung sein sollte sowie die Gablenz-Kaserne mit dem Militärkommando Steiermark sind nach wie vor in Betrieb. Daneben befindet sich seit einigen Jahren die Landespolizeidirektion im Bezirk Wetzelsdorf.

Und da gibt es noch etwas, was man vielleicht nicht auf Anhieb dem Bezirk Wetzelsdorf zuschreiben würde: Multikulturalität.

Das Gebiet südlich von Don Bosco, die 1935 entstandene Klusemannsiedlung sowie der Stadtteil Neuhart erleben mehrere Phasen der Besiedelung. Oftmals sind es GastarbeiterInnen, die sich entschließen zu bleiben. Spaziert man heute durch die kleinen Gassen, kann man die vielen Einfamilienhausbegeisterten nicht mehr eindeutig einem Herkunftsland zuordnen: alle pflegen ihre Gärten, alle mähen samstags Vormittag die Wiese, alle sind stolz auf die selbst gezüchteten Paradeiser, man grüßt sich über den Gartenzaun und trifft sich beim Gassigehen mit dem Hund. Das Miteinander und nebeneinander Leben ist einfach eine Selbstverständlichkeit.

Klaus hat in seiner Straße Griechen, Mazedonier, Chinesen, Rumänen und Slowenen als NachbarInnen. Als vor ein paar Jahren ein Nachbar stirbt, spricht es sich ganz schnell von einem Haus zum nächsten herum, dass es in der Kultur dieses Mannes Brauch sei, ihn auf seinem letzten Weg ein Stück zu begleiten. Ganz selbstverständlich kommen aus allen Gärten die Nachbarinnen und Nachbarn heraus und geleiten den im Schritttempo fahrenden Leichenwagen die Gasse entlang.

Das ist für mich gelebte Multikulturalität.

 

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