St. Peter: von italienischen Würsten und berühmten Dachziegeln

Foto: ORF

Diesmal hab ich das “Pferd von hinten aufgezäumt”. Völlig überzeugt davon, dass mir ganz, ganz viele Menschen – nach ihrem Lieblingsplatzerl im Bezirk St. Peter gefragt – die Eustacchio-Gründe nennen werden, habe ich gleich vorweg einen Menschen dazu interviewt, der wirklich “aus dem Nähkästchen” plaudern kann:

Herrn Vizebürgermeister Mario Eustacchio.

Begonnen habe alles mit der Verpflegung der Arbeiter in den zahlreichen Ziegeleien im Raum Friaul (Buia, in der Nähe von San Daniele del Friuli). Sein Ururgroßvater Angelo Eustacchio versorgt diese mit Wurst, Käse und Polenta aus eigener Produktion. Anfangs noch mit Pferdefuhrwerk unterwegs, vergrößert sich schnell der Wirkungsradius des Unternehmens, immerhin gilt es, die in der ganzen Monarchie eingesetzten friaulischen Ziegel-Arbeiter mit Köstlichkeiten aus der Heimat zu versorgen.

Aber nicht nur die aus Friaul stammenden Arbeiter kommen in den Genuss dieser Köstlichkeiten. Gefördert durch den Ausbau der Bahn erfreuen sich die Produkte aus dem Hause Eustacchio in der ganzen Monarchie höchster Beliebtheit. So werden die Wiener Würstchen, die man – zwecks “internationalem touch” –  kurzerhand zu Frankfurterwürstchen umbenennt, in Tierdärmen aus dem Betrieb Eustacchio produziert. Die Darmhütte zur Reinigung und Vorbereitung der Tierdärme steht noch heute auf dem Areal der Eustacchiogründe.

Angelo Eustacchio hat es somit von einem anfangs – salopp formuliert – “Jausenzusteller” zu einem vermögenden Geschäftsmann gebracht, der sehr geschickt ein beachtliches Netzwerk aufgebaut hat.

Nachdem durch den Zerfall der Monarchie die Möglichkeiten der Delikatessenlieferungen in diverse Ziegelwerke eingeschränkt bis unmöglich werden, beschließt er, quasi die Seiten zu wechseln und gründet einfach sein eigenes Ziegelwerk. Dazu ersteht er ein riesiges Areal im heutigen St. Peter bzw. Waltendorf und errichtet das zum damaligen Zeitpunkt europaweit größte Ziegelwerk.

Kleine Randbemerkung: die Produktpalette umfasst verschiedene “Ziegel-Modelle”, die am meisten produzierten Ziegel sind jedoch halbrunde Dachziegel. Jeder einzelne Ziegel ist übrigens mit einem in den Lehm gedrückten “E” versehen. Und der Tatsache, dass Ziegel als “kriegswichtig” eingestuft sind, verdankt das Werk auch, dass es die Zeiten des II. Weltkrieges soweit gut übersteht.

Das Ziegelwerk wird von seinem Sohn Eduardo, dem Urgroßvater unseres Vizebürgermeisters, betrieben. Aus dessen Erzählungen ist herauszuhören, dass es im Verhältnis zwischen Urur- und Urgroßvater durchaus spannende Aspekte gegeben haben muss. So wird in der Familiengeschichte berichtet, dass die Wahl einer “geeigneten” Ehefrau für Eduardo so verläuft: der Vater Angelo zeigt zwei Fotos von Frauen und stellt den Sohn vor die Wahl: “die oder die andere”.  Umgekehrt hat der Sohn seinem Vater wohl auch die Rettung aus einer höchst prekären Situation zu verdanken. Er soll vor 200 Mitarbeitern den Kaiser beleidigt haben – eine mitunter lebensgefährliche Geschichte. Der genaue Wortlaut ist leider nicht überliefert, wohl aber die Summe, die diese Majestätsbeleidigung aus der Welt zu schaffen vermag: umgerechnet 1 Million Euro sollen es gewesen sein.

Mitte der 1960er Jahre wird das Ziegelwerk geschlossen. Für die Siedlungsbauten rundherum werden zwar Ziegel gebraucht, aber die Fläche für den Lehmabbau wird dadurch stetig kleiner und das Rohmaterial von weit her zu importieren kommt zu teuer.

In den 1980er Jahren ersteht die Stadt Graz einen großen Teil des Werkareals und verwirklicht die Idee, dieses Gebiet als besonders schutzwürdigen “Urwald” zu erhalten. Das bedeutet, dass bewusst NICHT in die Natur eingegriffen wird, es werden also keine Hecken gestutzt, keine umgefallenen Bäume zersägt, keine Wiesen gemäht. Die Teiche sind ehemalige Löschteiche aus der Ziegelproduktion, die im Winter auch für die Gewinnung von großen Eisblöcken für die “Kühlschränke” herhalten und der Gegend ihren Namen geben: Eisteich.

Die heute noch bestehende Ziegelmauer stammt vom ehemaligen Ringofen, das Haus neben dem Bauernmarkt, das die Pfandfinder*innengruppe G 1 beherbergt, ist das ehemalige Arbeiterheim.

Herr Vizebürgermeister Mario Eustacchio ist als Kind im Alter von 14 Tagen nach Ulm gezogen und erst 7 Jahre später wieder nach Graz – allerdings nach Wetzelsdorf – zurück gekehrt. Jetzt lebt er im Familienhaus oberhalb der Hundewiese, bereits auf Waltendorfer-Boden.

Auf meine Frage, wie es sich denn so anfühle, wenn man seinen eigenen Namen stets im Zusammenhang mit einem öffentlichen, beliebten Gelände wahrnimmt (im Gegenzug dazu findet sich mein Familienname höchstens in der Beschriftung von irgendwelchen Schwimm- oder Wasserbecken wieder….) erfahre ich, dass es schon ok sei. Mit einem Grinsen erzählt er mir jedoch, dass es seinen Cousin etwas “härter” treffe. Dann nämlich, wenn er gefragt werde, wie er heiße (Angelo Eustacchio) und wo er wohne (Angelo Eustacchio Straße) und ob er den*die Frager*in wohl eh nicht auf den Arm nehme….

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar

  • Mario Eustacchio

    Liebe Frau Bassin!
    Treffend formuliert und ein paar Jahrzehnte in einem perfekten Überblick zusammengestellt.
    Herzlichen Dank und liebe Grüße!
    Mario E.

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