Mariatrost: … und weiter geht´s

Von einem Kalb, grünen Wiesen, vielen Begegnungen und ein bisschen Kulinarik

Schon einmal auf der Mariatrosterstraße einem großen Traktor mit einer kleinen, blonden Frau am Steuer begegnet? Dabei handelt es sich um die Bäuerin eines der zahlreichen Bauernhöfe in Graz. Von den im letzten BIG erwähnten 1.288 Rindern, die im Stadtgebiet von Graz leben, gehören 18 Stück zum Bauernhof gleich hinter dem Wiener Wirt. Und als „stadtnächster Bauernhof mit Tierhaltung“ kann man ihn doch tatsächlich mit der Straßenbahn erreichen. Bereits in der 4. Generation besteht der – ursprünglich zum Schloß Kroisbach gehörende – Hof schon. Apropos Rindsviecher: der ab-Hof-Fleischverkauf ist zwar noch in einer Testphase, verläuft aber sehr gut und soll schon bald ausgeweitet werden.

Und diese für das Stadtgebiet eher ungewöhnliche Nachbarschaft führt manchmal auch zu Fällen von eher ungewöhnlicher Nachbarschaftshilfe. So beobachtet eine Nachbarin, dass eine Kuh auf der Wiese, nahe am Zaun kalbt und das frischgeborene Kalb durch eine Drehbewegung unter dem Zaun durchrollt. Somit sind Muttertier und Kalb durch einen elektrisch geladenen Zaun voneinander getrennt und zunehmend verzweifelt. Die beobachtende Nachbarin kennt zu diesem Zeitpunkt die Bauersleut noch nicht persönlich, bekommt aber irgendwie eine Telefonnummer heraus und erreicht diese auf einer landwirtschaftlichen Veranstaltung. Nur durch dieses schnelle Handeln kann das bereits stark unterkühlte Kalb gerettet werden.

Umgekehrt könnte man auch von Nachbarschaftshilfe sprechen, wenn es darum geht, mit dem Traktor samt Anhänger Tische und Bänke für das Sommerfest in der Volksschule zu transportieren. Für diesen Dienst finden sich immer ganz schnell ganz viele Freiwillige, die schon immer einmal mit einem Traktor durch die Stadt „glühen“ wollen.

Nach seinem Lieblingsplatzerl befragt, nennt Bauer Leo die Wiese hinter seinem Haus, auf der er – zwar selten – gerne sitzt und auf seinen Hof und über Graz blickt und dabei immer wieder das Gefühl genießt „schön haben wir´s hier“.

Seine Frau nennt kein konkretes Lieblingsplatzerl, weil dieses theoretisch überall sein kann, solange sie nur auf einem Pferd sitzt.

Ich treffe auch ein wahres „Urgestein“, was das Engagement für diesen Bezirk betrifft. Herr Wurzinger ist seit 22 (!) Jahren Bezirksvorsteher in Mariatrost und hat in dieser Rolle schon so einiges bewegt und bewirkt. Zurzeit sind seine Lieblingsplatzerln NOCH auf der Platte bei der Stephanienwarte und in der Rettenbachklamm, er genießt den Bezirk als Naherholungsgebiet. Wenn man ihn nämlich von den Ideen, Visionen und Plänen zum Thema Belebung des Ortskerns von Mariatrost erzählen hört, dann könnte man meinen, dass da über kurz oder lang (s)ein neues Lieblingsplatzerl entstehen könnte.

Jetzt schon ein wesentlicher Teil des Mariatroster Ortskerns ist das Flüchtlingsquartier “Zur Einkehr”: von der Caritas geführt, anfangs skeptisch gesehen, dann – durch die Unterstützung ganz, ganz vieler Freiwilliger und auch des Bezirksrats – zu einem wirklichen Vorzeigeprojekt geworden.

Eine dieser Freiwilligen ist Lotte, die mir spontan die Einkehr als Lieblingsplatzerl nennt. Von Anfang an engagiert sie sich für die Menschen in diesem Haus, ist an ihren Schicksalen interessiert und durchlebt so Höhen aber auch Tiefen mit ihnen. Ihre verschiedenen Tätigkeiten dort sind vielfältig, manchmal ist Hilfe beim Deutsch Lernen gefragt, manchmal wird gemeinsam gekocht und manchmal geht’s einfach nur ums Zuhören. Als ich sie in die Einkehr begleite, bringt sie einer afrikanischen Frau – Mutter von drei kleinen Kindern – eine Nähmaschine und Stoffe.

In letzter Zeit ist die anfangs so gute Stimmung etwas getrübt. Etliche Familien und Einzelpersonen sind weggezogen, teils in größere Wohnungen, teils haben sie auch keinen positiven Asyl-Bescheid bekommen. Das von Anfang an geplante Ende des Flüchtlingsquartiers „Zur Einkehr“ wirft schon seine Schatten voraus. Aber NOCH leben mehr als 60 Menschen dort und NOCH sind diese auf Hilfe, Unterstützung, Begleitung und Freundschaft angewiesen. Eine Möglichkeit sich einzubringen ist das freitags stattfindende Erzählcafe. Von 17.00 (c.t.) – 19.00 Uhr treffen sich Freundinnen und Freunde der Einkehr mit Bewohnerinnen und Bewohner – manchmal kommen auch noch ehemalige BewohnerInnen dazu – in den Räumlichkeiten des Hauses. Bei diesem Erzählcafe sind schon Kochbücher entstanden, Städte und Länder vorgestellt, Geschichten geschrieben und Alltagsprobleme diskutiert worden. Interessierte sind willkommen!

Ich nutze auch die Gelegenheit und frage viele meiner Nachbarsleut und deren Nachbarsleut nach ihren Lieblingsplatzerln. Und davon gibt es zahlreiche: sei es der Platz vor der Basilika Mariatrost im Sonnenuntergang auf den Treppen der Angelus Stiege sitzend, der Gastgarten des Kirchenwirtes oder eine Wiese neben dem Roseggerweg im Leechwald, wo man am Waldesrand im Herbst Maroni sammeln kann. Oder aber der Eislaufplatz in Mariatrost, der zum totalen Inn-Treff von vor allem Familien mit Kindern geworden ist. Auf der Homepage gibt es aktuelle Informationen, ob´s kalt genug fürs Eis und wann geöffnet ist etc. Leider ist dieser Treffpunkt bei den Teichen auf die kalte Jahreszeit beschränkt, weil – und das bedauern viele – es im Sommer keine Möglichkeit zum Baden gibt. Wer aber zumindest von Italien und dem Meer träumen möchte, der ist richtig in Rene´s Enoteca in der Mariatrosterstraße.

 

Ein Kommentar

  • Ulrike Hintze

    Liebe Frau Bassin,

    mit viel Freude las ich heute Ihren Blog über die Grazer Bezirke.
    Was für wundervolle Idee, sich immer wieder auf Spurensuche zu begeben.
    Obwohl ich geborene Grazerin bin, kenne ich einige Bezirke nicht gut. Das wird sich nun hoffentlich ändern!

    Herzliche Grüße
    Ulrike Hintze

    P.s.: Wir kennen einander vom Betreuten Wohnen Zeppelinstrasse

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