Lend: … und weiter geht´s

Wie im letzten Blog beschrieben, ist Lend einerseits wegen seiner Vielfältigkeit berühmt und zählt andererseits zu den klassischen Arbeiterbezirken. Und diese zwei Eigenschaften in Kombination ergeben ein interessantes Bild der Unternehmenskultur in Lend.

Foto: Andrea Penz

Bezirksvorsteher Krainer bestätigt, was bei einem Spaziergang durch Lend eigentlich offensichtlich ist: dieser Bezirk zieht junge GründerInnen an, es gibt sehr viele innovative Geschäftsideen, die in Lend verwirklicht werden. Rund um die Mariahilferstraße wirkt sich das insofern positiv aus, als es kaum Leerstände bei den Geschäftslokalen gibt. Aber die Vielfalt besteht nicht nur in den verschiedensten Geschäftsideen, in Lend spielt auch sog. migrantische Ökonomie eine nicht mehr weg zu denkende Rolle.

Vor einigen Jahrzehnten gibt es noch die typischen Nahversorger, den Fleischer, das Gemüsegeschäft und den Bäcker um´s Eck. Nach deren Verschwinden gibt es zwar zunehmend große Supermärkte, aber das Versorgungsnetz ist nicht mehr so dicht, die Menschen müssen längere Wege zurücklegen, um einzukaufen.

Das hat sich in den letzten Jahren wieder stark verändert. In vielen kleineren Geschäften bekommt man fast alles zu kaufen, was man so braucht, die Auswahl ist jedoch deutlich internationaler geworden.

Eine in Lend angesiedelte Organisation, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden muss, ist inspire thinking: Die Kernthemen sind Bildung und Beteiligung, ein Schwerpunkt liegt in der Anerkennung von Ausbildungen, die nicht in Österreich erworben wurden.

In Projekt „Anerkannt!“ setzt inspire sich mit dieser migrantischen Ökonomie auseinander und untersucht, wie sie aufgestellt ist, wie eigeninitiativ sie entsteht und in welchen Branchen es sie gibt. Die Bandbreite des Angebots ist sehr breit und reicht von Lebensmittel, Speiselokale, über Gewürze, Frisöre, Architekten bis zu Finanzdienstleister, … Ein besonderes Augenmerk wird dabei auch auf die Situation der weiblichen, migrantischen Unternehmerinnen gelegt, die oft “unsichtbar” für die Gesellschaft agieren, deren Betätigungsfeld aber weit über den Bereich der Pflege hinaus reicht.

Das ist sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus frauenpolitischer und menschenrechtlicher Sicht sehr interessant.

Ein tolles Beispiel dafür ist Sara Saria, eine junge Frau (19), die seit fünf Jahren mit ihrer Familie in Graz lebt. Ursprünglich aus Syrien stammend betreibt Sara das “Gewürze der Welt” am Lendplatz 9, damit handelt sie bereits in der dritten Generation mit Gewürzen. Noch hilft ihr der Vater ein wenig, lehrt sie die richtige Zubereitungen von Gewürzmischungen, immerhin besteht das Angebot aus 450 verschiedenen Gewürzen. Der Standort Lendplatz mit Blick auf den Markt ist bewusst gewählt, meint ihr Vater. Die Österreicher reisen gerne und haben immer mehr Freude daran, die Geschmäcker, die sie auf den Reisen kennenlernen, nachzukochen – und das passe einfach gut zusammen: frische Zutaten vom Markt und Gewürze von Sara. Er selber träume davon, ein Gewürzmuseum zu eröffnen, wie er es in Hamburg kennen gelernt hat.

Auch auf meine nächste Gesprächspartnerin treffen die Attribute jung, weiblich, engagiert und Migrationsgeschichte zu.

Frau Mohadeseh Panahi, eine zierliche junge Frau, die man wahrscheinlich leicht jünger als ihre 22 Jahre schätzt, erzählt mir aus ihrem Leben. Und das nicht nur in perfektem Deutsch, sondern auch mit Begeisterung und mitreißendem Schwung.

Seit 4 Jahren und 3 Monaten lebt sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern in Österreich, zuerst in Mürzzuschlag, dann in Judenburg und jetzt in Graz. Usprünglich aus Afghanistan waren Mohadesehs Vorstellungen von Europa hauptsächlich durchs Fernsehen geprägt, wobei sie sich anfangs schon sehr gewundert hat, dass so gar nichts so ist, wie im TV. Erst jetzt im Nachhinein ist ihr klar, dass sie erstens meist amerikanische Sendungen gesehen hat und zweitens Mürzzuschlag und Judenburg jetzt auch nicht unbedingt Europa repräsentieren. Sie formuliert ihre damalige Überzeugung so: “Ich dachte, alles, was nicht zuhause ist, ist anders, aber gleich anders ….”.

In Graz besucht Mohadeseh die Abendschule, wo sie in absehbarer Zeit ihre Matura machen wird, um danach Zahnmedizin zu studieren.

Zur Zeit macht sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Deutschkurs für afghanische Frauen, wobei “machen” in diesem Zusammenhang nicht im Sinne von teilnehmen sondern von unterrichten zu verstehen ist. Als ihre Mutter Deutsch lernt, sehen die zwei Töchter, wie sehr sie sich damit plagt, auch weil sie in ihrer Erstsprache – Farsi – nicht alphabetisiert ist und die Sprachlehrerin nur Deutsch mit ihr spricht. Die zwei jungen Frauen haben die Vision, mehr Mütter zum (Deutsch-)Sprechen zu bringen, ihnen im übertragenen Sinne eine Stimme zu verleihen, ihnen vielleicht sogar einen Hauptschulabschluss zu ermöglichen und damit eine Chance, im Bildungssystem weiter zu kommen. Und die Bedürfnisse dieser Frauen sehr gut kennend, maßschneidern sie einen ganz speziellen – von UniT unterstützten – Deutschkurs für sie: schwierige Erklärungen erfolgen in Farsi, es gibt Kinderbetreuung, es wird sowohl aus einem Buch unterrichtet, also auch Konversation geübt und es gibt einen Stammtisch für verschiedene Themen, die die Frauen interessieren. Im Moment besuchen 25 Frauen diesen Kurs.

Im heurigen Jahr engagiert sie sich zusätzlich noch im Jukus-Projekt „Barobax Graz“, das vom Europäischen Solidaritätskorps gefördert wird. Dabei geht es darum, dass sich junge afghanische Flüchtlinge mit verschiedenen gesellschaftlichen und sozialen Themen auseinandersetzen und dazu Interviews und Recherchen machen.

Nach ihrem Lieblingsplatzerl befragt, antwortet Mohadeseh blitzschnell: es ist die Landesbibliothek , in der sie viel Zeit verbringt, aber auch Farsi-Bibliothek in der Strauchergasse.

 

 

 

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