Innere Stadt: … und weiter geht´s

Foto: Andrea Penz

Wie stellen Sie sich eine Stadtschreiberin vor? Eine ältere, weise Frau, die eine runde Brille auf der Nase und einen Bleistift durch den Haarknoten trägt und täglich etwas in ein großes, in Leder gebundenes Buch der Stadt Graz schreibt? Knapp daneben.

(Foto: Andrea Penz)

Kinga Tóth, die derzeitige Stadtschreiberin der Stadt Graz ist 36 Jahre alt, zierlich, kommt aus Ungarn, fröhlich, offen und der Ausdruck “Energiebündel” ist ein glatter Hilfsausdruck, um sie zu beschreiben. Ich treffe sie im Lokal parks in der Zinsendorfgasse, welches ob der veganen und glutenfreien Küche zu einem ihrer Lieblingsplatzerln zählt, und das außerdem sehr nahe zu einem weiteren ihrer Lieblingsplatzerln, dem Forum Stadtpark liegt (aber dazu noch später).

Ich bekomme in diesem Gespräch derart viel Informatives, Interessantes und Neues zu hören, dass ich danach nur eine Sorge habe: wie bringe ich DAS alles in meinem Blog unter.

Kinga hat vor einiger Zeit beschlossen, ihre Träume nicht nur zu träumen sondern auch zu verwirklichen. Einer dieser Träume ist es, den Menschen etwas für alle Sinne zu geben. Für Kinga bedeutet Schreiben Konturen zu schaffen und Konturen schafft man, egal ob durch Buchstaben, Töne oder Bewegung – soll heißen: alles ist Poesie, visuelle Poesie oder Klang-Poesie. So ist sie also nicht nur Schriftstellerin, sondern spielt Keyboard und Flöte und experimentiert mit ihrer Stimme. Besser schaffe ich es nicht in Worte zu fassen, wer aber neugierig geworden ist, der schaue sich das einfach selber an: am 20. März in der off_galery.

In Ungarn hat sie es anfangs mit dieser Art der fächerübergreifenden Kunst nicht leicht, gilt es doch für eine Schriftstellerin, Texte zu produzieren und zwar NUR Texte. Erst die deutsche Avantgarde stärkt ihr Selbstvertrauen und ermutigt sie, ihre Perfomances zu veranstalten. Das tut sie die letzten 6-7 Jahre nun sogar im internationalen Raum.

Die Kunstszene in Graz beschreibt sie mit dem Wort gigantisch, seien doch einige der bedeutendsten Zeitschriften für Literatur (manuskripte, Lichtungen, …) und ausreißer, die Grazer Wandzeitung hier beheimatet. Die Musikszene hier vergleicht sie sogar mit dem Paradies, nicht zuletzt wegen der Jazzabteilung an der Kunstuniversität. Oft besucht sie das Cafe Wolf oder den Grazer-Impro-Klub, kurz GIK um mit verschiedenen MusikerInnen zu performen. Also eigentlich ist sie keine Stadtschreiberin sondern vielmehr eine Stadtkünstlerin.

Kinga verwendet in ihrer Arbeit und ihren Performances oft eine – wie sie es nennt – Mischsprache aus Ungarisch, Englisch und Deutsch. Sie arbeitet auch als Übersetzerin, wobei sie nur lebende SchriftstellerInnen übersetzt, um die Möglichkeit zu haben, mit ihnen über das Werk zu reden.

Und genau über dieses Thema “Übersetzungen” spreche ich auch mit dem writer in exile, Herrn Zviad Ratiani. Seit Oktober 2018 lebt der Poet und Übersetzer aus Georgien für ein Jahr in unserer Stadt, der er ein ganz besonderes Zeugnis ausstellt. Auf seinen zahlreichen Spaziergängen (OHNE Stadtplan, weil er es liebt, verloren zu gehen, was ihm in Graz allerdings so gut wie nie gelingt, sieht man doch von überall irgendwie den Schloßberg als Orientierungspunkt) spüre er “history environment”, das Vergangene, den Background und den Background vom Background. Selbst die häßlichsten Gebäude erzählen etwas. Bestimmte Platzerln beschreibt er gar als Paradies, wobei er sich nicht erinnern könne, gestorben zu sein, aber in dem Fall ganz gerne tot sei …

Im Gegensatz zu Kinga, die fast überall schreiben/zeichnen/planen kann, schreibt Zviad meistens daheim, mit der Hand in ein Bücherl, jeden Absatz in einer anderen Farbe (zur besseren Übersichtlichkeit). Große Ausnahme sei jedoch das Cafe König. Dort fließe die Arbeit nur so, wahrscheinlich, so Zviad, lieben die Texte das Cafe – er liebe es auf alle Fälle, it´s in the air!

Als junger Mann hätte er von der Poesie nicht leben können und nimmt als Tagelöhner einen eher ungewöhnlichen Nebenjob an: er klettert für die Telekommunikationsgesellschaft von Georgien auf hohe Masten, um so bei der Montage des fiber optic cabel von Frankfurt nach Shanghai mitzuwirken. So vom einfachen Arbeiter zum Experten für das Verbinden von Glasfaserkabeln geworden, wird aus dem Nebenjob dann für 15 Jahre ein Volljob, der es ihm finanziell ermöglicht, seinem Herzensjob, dem Schreiben, nachzugehen.

Aber zurück zum Thema Übersetzungen: es sei eine absolute Notwendigkeit bei der Übersetzung eines Textes auch dessen Seele zu erfassen, allein die richtigen Vokabel aneinander zu reihen genüge bei weitem nicht. In der modernen Poesie ist sogar oft auch die äußere Form von bestimmter bzw. bestimmender Bedeutung. Schade ist es in diesem Zusammenhang, dass beide – sowohl Kinga als auch Zviad – immer wieder die Erfahrung machen, dass die eigenen Werke fremdübersetzt werden, oft unter Zeitdruck, weil für eine bestimmte Veranstaltung gedacht. Das Ergebnis entspricht dann manchmal nicht dem, was die Autoren im Original aussagen wollen, dient aber oft als Basis für alle Lesungen etc.

Aber diese Meinung ist nicht die einzige Gemeinsamkeit der beiden vielseitigen Menschen. Nach ihren Lieblingsplatzerln gefragt, gibt es da einige Überschneidungen. Allen voran das Forum Stadtpark, das beide als extrem offenen Ort für die – sämtliche Sparten (Architektur, Literatur, Bildenden Kunst, Film, Fotografie, Medienkunst, Gesellschafstpolitik, Musik,  Theater, Performance, Theorie) umfassende – Kunst beschreiben.

Aber die Liste der weiteren Kunst-KünstlerInnen-Cafes ist noch lange: Cafe Centraal, Cafe Stockwerk, …

Was die beiden als VertreterInnen der schreibenden Gilde auf alle Fälle auch noch verbindet, ist die Notwendigkeit eines Schreibgeräts und das hat mich auf die Idee gebracht, in ein Geschäft zu gehen, das schon sehr lange im Bezirk Innere Stadt existiert, genau genommen seit 1918: das Füllfederhaus Störtz, heute im Eigentum von Herrn Wolf Lang. Ursprünglich ging es um Schreibmaschinen und deren Reparatur, durch die gute Lage inmitten von Gerichten, Anwaltskanzleien und Notariaten, ist auch immer viel zu tun. Ein damals an treue KundInnen ausgeteiltes Geschenk führt aber sozusagen zu einer neuen Geschäftsidee: eine kleine, zierliche Füllfeder wird zum begehrten Objekt zahlreicher Sekretärinnen und Gerichtsschreiberinnen. Schnell entwickelt sich das Geschäft zum absoluten Meisterbetrieb, der so bis heute existiert. Der Grundsatz, dass für alle Stücke, die verkauft werden, auch die Reparatur angeboten wird, führt dazu, dass die Füllfedern und Schreibgeräte aus ganz Österreich nach Graz geschickt werden.

Die Krone im Logo rührt daher, dass das Füllfederhaus einmal Goldfüllfederkönig war.

Es ist das einzig verbliebene Geschäft im deutschsprachigen Raum, das ausschließlich Schreibgeräte verkauft – Papierwaren sucht man nämlich vergeblich in dem kleinen Geschäft mit dem markanten Schriftzug über der Türe.

Übrigens, wenn jemand eine Geldanlage sucht, die weniger klobig als Immobilien ist und locker in die Hosentasche passt: wie wäre es mit einer Montblanc Füllfeder, besetzt mit 4810 Brillanten um die Kleinigkeit von 180.000,- Euro? Ist allerdings nicht lagernd, müsste bestellt werden.

Herr Müller, Junior-Chef und auch Füllfederspezialist, zeigt mir die kleinste (Reise-)Füllfeder, die beinahe in eine Zündholzschachtel passt und erzählt von einem erfreulichen Trend “zurück zur Feder”, den LehrerInnen bestätigen und gutheißen, weil die Koordination Finger – Hirn so besser geschult werde. Von der Autorin Elke Heidenreich stammt diese Liebeserklärung an die Fülllfeder: “Sie trinkt die Tinte, liegt ruhig und elegant in der Hand, fliegt übers Papier und schreibt direkt vom Kopf über das Herz durch die Hand die Worte, die hier wichtig sind.”

Ach, da war ja noch die Sache mit dem Gespenst. Also wie das mit Geistern halt so ist, sie erscheinen und entschwinden wieder …. letzteres ist gerade der Fall und auf ersteres müssen wir wohl noch ein wenig warten …..

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