Innere Stadt: … der, mit dem alles begonnen hat

Foto: Andrea Penz

Meine anfängliche Sorge, über den Bezirk Innere Stadt nur Historisches bzw. Klassisches zu finden, was auch jedeR TouristIn in einer Stadtführung erfährt, hat sich schnell zerschlagen. Ein Kontakt hat den anderen ergeben und schlussendlich habe ich mehr Menschen als gedacht zu ihren Lieblingsplatzerln befragen können.

(Foto: Andrea Penz)

Die Bandbreite in diesem Blog reicht von Uli, die seit ihrer Geburt am Mehlplatz wohnt, über Andrea, die seit ca. einem Jahr in der unmittelbaren Nachbarschaft des Rathauses lebt bis zu Joachim, der als absoluter Innenstadt-Fan quasi jeden Winkel (und Mistkübel – aber dazu noch später) kennt. Und dann war da noch dieses Gespenst …

Uli bei der Schilderung ihrer unmittelbaren Wohnumgebung zuzuhören, ist

Foto: Andrea Penz

wie eine Zeitreise durch die letzten Jahrzehnte. Seit Ende der 40er Jahre bewohnt ihre Mutter diese Wohnung, seit den sechziger Jahren auch sie. Es ist eine richtige Altbauwohnung, die der Vater schrittweise renoviert, das “Kohle-in-den-2.Stock-Schleppen” hat jedoch erst in den 80er Jahren mit der Einführung der Fernwärme ein Ende. Das Haus selber ist zarte 400 Jahre alt und stammt aus dem Besitz der Herrn von der Riegersburg, der Familie Galler. Natürlich besucht Uli die Schulen in der unmittelbaren Nachbarschaft, die VS Ferdinandeum und das Akademische Gymnasium.

Wie eine Zeitreise mutet auch ihre Beobachtungen zu BewohnerInnenschaft, Autoverkehr und Nahversorgung in der Innenstadt an. So gab es in den 1960er Jahren noch 3 Greißler, ein Obst-, ein Milch- und ein Fleischgeschäft am Färberplatz. Die Herrengasse konnte man dafür um 17 Uhr vor lauter Autoverkehr kaum queren. Dann kam eine Zeit, in der viele Nahversorger zusperrten, die Gastronomie boomte und machte es den verbliebenen BewohnerInnen nicht immer leicht. Viele zogen wegen des Lärms und der fehlenden Parkplätze aus der Inneren Stadt weg. Für Uli hat die Liebe zum Wohnen in historischem Gemäuer, die in Gehweite stattfindende Kulturszene, das Flair dieses Bezirkes diese Unannehmlichkeiten überwogen. Sie ist geblieben.

Als Lieblingsplatzerl nennt sie mir nicht einen einzelnen, sondern schwärmt davon, mit offenen Augen durch unsere Stadt zu gehen und immer wieder Besonderheiten, wie einen schönen Torbogen, eine reich verzierte Haustüre, einen romantischen Hinterhof, Arkaden, Portale, ein Detail in einer Fassade etc. zu entdecken. Einen ganz anderen, freien Blick auf Graz hat sie seit ein paar Jahren auch von der Terrasse am Kastner & Öhler.

Als Innenstadtbewohnerin hat sie, wie viele andere auch, kein Auto, kann man doch die Wege kurz halten … sollte man meinen. Das funktioniere – laut Uli – jedoch nur ein paar Wochen im Jahr, etwa im Jänner und Februar, in denen kein Slalomlauf zwischen Gastgärten, Weihnachtshütterln und Standeln herausfordernd ist. 

Im Gegensatz dazu ist Andrea am Land aufgewachsen – so richtig am Land, mit Bauernhof und viel Gegend drumherum. Schon als Kind hat sie es immer deprimierend gefunden, 80 km fahren zu müssen, um annähernd in eine urbane Gegend zu kommen. Deswegen der Wunsch mittendrin zu wohnen. Und das tut sie jetzt, sie wohnt im Zentrum – so richtig im Zentrum. Während man von der einen Seite ihrer Wohnung nicht nur auf die Herrengasse schaut, sondern diese – besonders bei geöffnetem Fenster – auch quasi hautnah miterlebt, (Bim, Straßenmusik und Stimmengewirr inklusive), gibt es auf der anderen Seite der Wohnung einen Balkon, von dem aus man in den Hinterhof des Rathauses blickt bzw

Foto: Andrea Penz

. in seine Dachlandschaft, mit vielen Wetterfahnen, die sich quietschend im Wind drehen, ansonsten ist es aber mucksmäuschenstill.

Kein Wunder also, dass eines von Andreas Lieblingsplatzerl eben ihre Wohnung ist. Sie beschreibt es so: wenn man auf Urlaub in andere Städte fährt, bemüht man sich um ein Hotel im Zentrum, weil man etwas mitbekommen will, mittendrin sein möchte. Wenn sie aus ihrem Schlafzimmerfenster schaut (siehe Foto rechts) , fühlt sie genau so – ergo ist sie ständig in Urlaubsstimmung … na ja, fast ständig.

Foto: Andrea Penz

Es gibt noch ganz viele andere Lieblingsplatzerl, die Andrea auch auf wunderschönen Fotos verewigt (falls sich jemand fragt, wie man Herrengasse und Sporgasse menschenleer, siehe Foto links, vor die Linse bekommt, dem sei verraten: sonntags um 7 Uhr in der Früh ist ein heißer Tipp!). Der Burggarten, den sie als Oase empfindet und die Tramezzini Bar Cosimo sind auch noch Lieblingsplatzerl.

Joachim wiederum wohnt zwar nicht in der Inneren Stadt, kennt diese aber wie seine Westentasche, leitet er doch immer wieder Stadtführungen der ganz besonderen Art. Und so komme auch ich in den Genuss einer solchen und bin erstaunt, wie mein Blick auf ganz und gar ungewöhnliche Weise auf nicht weniger ungewöhnliche Details gelenkt wird.

Joachims Lieblingsplatzerl sind eher die engen und verwinkelten Gasserln und die kleinen Platzerln. So führt er mich unter anderem auch durch die Pomeranzengasse, ein sehr kleines, sehr enges Gässchen vom Hauptplatz zum Färberplatz. Dieses Gässchen, das viele vielleicht als dunkel und eher ungepflegt beschreiben würden, birgt eine wahre Galerie an street-art. So lerne ich, dass es neben den geläufigen gesprühten Graffitis auch solche gibt, die mit Hilfe von Schablonen hergestellt (stencil) oder kunstvoll aufgeklebt sind (Foto rechts), auch kleine Kacheln oder Stickers werden an die Wände geklebt. Interessant sind auch diverse Buchstaben und Zahlencodes, so bedeutet z.B. ACAB und 1312 das gleiche, nämlich „All Cops Are Bastards“.

Aber zurück zu den eingangs erwähnten Mistkübeln: Joachim versteht sich als Müllforscher – manche würden vielleicht Müllstierler dazu sagen – er kann nur schwer bei einem Mistkübel VORBEI gehen. Der Inhalt erzählt ihm etwas über das Konsumverhalten, welche Rauschmittel gerade in gewissen Gegenden vermehrt konsumiert werden, für was die Menschen Geld ausgeben, Ernährungsgewohnheiten und vieles mehr. Es kann schon mal vorkommen, dass Joachim in einer fremden Stadt nur deswegen nicht die Orientierung verliert, weil er sich ganz genau merkt “bei diesem Mistkübel bin ich schon einmal vorbei gekommen”.

Ich glaube, diese Leidenschaft hat vor Jahrzehnten mit dem Sammeln von gebrauchten Zigarettenpackungen begonnen. Mittlerweile hat er 50.000 (!) Stück davon, genauestens  geordnet und erfasst nach Herkunftsland und ÜberbringerIn. Daraus resultieren auch einige Lieblingsplatzerl von Joachim, überall dort nämlich, wo viele Menschen aus mehr oder weniger fernen Ländern zusammen kommen. Lange Zeit war das der Burgring, der als Bushaltestellte fungiert hat, jetzt ist es eher die Franz-Graf-Allee, neben der Oper.

Aber es zieht Joachim ebenso in stillere Parallelgasserln zu den großen Routen und auf ruhigere Plätze. So führt er mich auch zum Kreuzgang des Franziskanerklosters, der eine wahre Oase der Stille in all dem Innenstadttrubel darstellt und zeigt mir den Grabstein der Catharina Zanini. Sie sei ein Kind mit Migrationsgeschichte im Graz des 17. Jahrhunderts. Zumindest der Vater ist italienischer Herkunft. Zu dieser Zeit werden von den katholischen Landesherren lieber brav-katholische Italiener für den Bau der Befestigungsanlagen gegen die Türken ins Land geholt, als die hiesigen, zumeist protestantischen Menschen zu beschäftigen.

  

Ach ja und was es mit dem Gespenst auf sich hat, gibt´s im nächsten Blog zu lesen…

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar

  • xy

    Eine geniale Idee anhand der Mistkübelinhalte auf Lebensbedingungen zu schliessen! Meiner Meinung nach doch “Müllforschung”. Und…… ich bin schon sehr neugierig auf das Gespenst!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.