… Geidorf: lebenswerter Raum für alle Generationen

Für Geidorf gilt ein besonderer Superlativ: der Bezirk mit den meisten Hundertjährigen! Diese statistische Information unterstützt das Klischee, Geidorf sei ein Bezirk, in dem man entweder alt oder StudentIn sein muss, um dort zu wohnen. Wie auch immer, ich habe mit VertreterInnen beider Gruppierungen geplaudert, und einiges über den Bezirk,  Lieblingsplatzerln und die Relativität des Alters erfahren.

Foto: Andrea Penz

Angefangen habe ich in der “Seniorengerechten Wohnanlage” in der Körblergasse, wo ich bei meinem Spontanbesuch auf eine sehr nette Frauenrunde treffe, deren Wochenendplanung ich unterbreche. Gerti stellt fest, sie habe noch viel vor und möchte der Welt noch ein Loch reißen. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie einen Schlaganfall und diese beiden Schicksalsschläge bringen sie zu der Erkenntnis, noch nicht “richtig gelebt” zu haben. Mit Hilfe ihres Sohnes – “Mama, setz di hin und tu lernen!” – macht sie sich mit einem PC vertraut und lernt das Internet zu nutzen – “Mama, glaub aber net alles, im Internet wird viel gelogen!”. Insgesamt bekommt man den Eindruck, Gerti lebt jetzt “richtig”, nämlich so, wie sie es sich wünscht und läßt andere durch ihre lustige und wortgewandte Art zu erzählen, daran teilhaben. Das gipfelt in einem Fernsehauftritt in der Barbara-Karlich-Show zum Titel: Für einen Neuanfang ist man nie zu alt.

Ingrid und eine weitere Frau erklären die Bankerln vor den Häusern zu ihrem Lieblingsplatzerl. Einerseits trifft man sich dort, weil ihre Hunde gerne miteinander spielen und andererseits, weil es ein idealer Treffpunkt ist, um den Erzählungen von Gerti zu lauschen. Einzig ein Tisch tät noch fehlen zum ganz perfekten Lieblingsplatzerl.

Und auch wenn die Damen aus der am Hügel liegenden “Seniorengerechten Wohnanlage” feststellen, dass der “Berg”, den sie zu ihren Häusern erklimmen müssen, über die Jahre immer höher und mühsamer wird, kann man sich von ihnen etwas in Sachen “Lebensfreude und carpe diem” abschauen.

Naherholungsgebiet Rosenhain, Foto Holding Graz

Von Christa, einer über 70 Jahre alten Dame, die weit in der Welt herumgekommen ist, erfahre ich, dass es identitätsstiftend ist, in Geidorf aufzuwachsen, groß, erwachsen und alt zu werden – also quasi “eine echte Geidorferin / ein echter Geidorfer” zu sein. Mit einem Augenzwinkern meint sie, man fühle sich halt besonders. Was allerdings typisch für eineN echteN GeidorferIn ist: man redet nicht darüber. Christa lernt berufsbedingt – als Stewardess – viel von der Welt kennen, lernt im Moment sogar gerade Chinesisch und ist “ihrem” Bezirk doch treu geblieben. Besonders schätzt Christa auch die Nähe zum Zentrum und damit zu Kulturveranstaltungen in der Oper, im Schauspielhaus, … und die Möglichkeit, am Nachhauseweg von selbigen am Geidorfplatz noch ein Glaserl Wein zu genießen. Als weiteres Lieblingsplatzerl nennt mir Christa – so wie übrigens jedeR GeidorferIn bisher – den Rosenhain.

Meine nächste Interviewpartnerin ist Pauline, die als Studierende nur 1 Jahr im Bezirk Geidorf gewohnt hat. Lang genug, um diverse Lieblingsplatzerln zu entdecken: (wieder einmal) der Rosenhain und das Cafe Fotter – liebevoll “Hörsaal F” genannt – das unter neuen Pächtern so weitergeführt wird, dass es nichts von seiner Gemütlichkeit eines Wohnzimmers einbüßt. Auch der Gastgarten, der eher einem Rosengarten gleicht, rechtfertigt durchaus das Schwänzen der einen oder anderen Vorlesung.

Spritzerstand ÖH

Eine große Konkurrenz zum Balkon, der in einen grünen Innenhof geht, ist die Wiese vor dem Hauptgebäude der Universität bzw. rechts davon der ÖH-Spritzerstand, wobei – schmunzelt Pauline – Balkonien diesen Wettkampf dann oft doch gewinnt: aus rein finanztechnischen Überlegungen aber auch aus Gründen der Gemütlichkeit (der Kühlschrank ist halt einfach näher…).

Auch in der Zinzendorfgasse stossen Interessen verschiedener Generationen aufeinander, erzählt der Bezirksvorsteher. Nicht so sehr im Sinne von “alt” und “jung”, sondern eher im Sinne von “schon lange da” und “neu dazugekommen”. Das ist per se nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil, es hat dazu beigetragen, dass die Zinzendorfgasse in den letzten Jahren einen deutlich spürbaren Aufschwung erfahren hat. Herausfordernd dabei ist der Umgang mit dem Argument der schön länger dort lebenden Menschen bzw. ansässigen Unternehmen: “die Jungen kommen, wollen alles umkrempeln, gehen aber bald wieder und wir bleiben und müssen damit leben.” Aber – dank zahlreicher Gespräche, einem eigens dafür gegründeten Verein und viel Engagement und Herzblut von UnternehmerInnen und AnrainerInnen – schaffen die Beteiligten etwas, was unter dem Begriff “slow street” zusammengefasst wird. Und seit ein paar Jahren wird die Zinzendorfgasse für einen Tag im Jahr im Rahmen von Zinzengrinsen  auf den Kopf gestellt.

Diese enorme Entwicklung der Zinzendorfgasse beschreibt auch Dr. Lisa Horvath, die ich in ihrem Büro HoQuadrat besuche, das genauso wie ihre Wohnung in Uninähe liegt. Lisa stammt ursprünglich nicht aus Graz, fühlt sich hier aber immer emotional zuhause (und das nicht nur, weil sie ihre ganze Jugend hindurch regelmäßig zur Zahnspangenkontrolle nach Graz kommt!) und ganz besonders zieht es sie in Uninähe. Selbst während ihrer Auslandsaufenthalte in der Schweiz, in Deutschland, … lebt sie stets in der Nähe der Universitäten, sind diese ja auch die “Kundschaft” von Dr. Horvath, die in der Universitäts- und Organisationsberatung tätig ist. Mit den Univierteln verbindet sie Wissensaustausch und schätzt das Aufeinandertreffen von Generationen.

Unsere Interviewzeit reicht unmöglich aus, die gesamte Vielfalt an Themen und Tätigkeitsfelder von Dr. Horvath mehr als nur anzuschneiden. Grob umrissen geht es um Geschlechterdemokratie, die Vermittlung von Gender- und Diversitätskompetenzen. Anhand eines Beispieles bekomme ich eine ungefähre Idee: das Projekt fair-renderings im Rahmen des Architektursommers 2018 befasst sich mit den Machtverhältnissen in der visuellen Kommunikation. Konkret geht es darum, welche Menschen auf Plänen für Gebäude abgebildet werden: jung, schlank, sportlich, lauter Vorzeigefamilien, ….???

Vielleicht noch eine Erklärung zum Büronamen “Ho2” (HoQuadrat): da die Büroräumlichkeiten wunderschön groß sind, zieht Lisas Vater mit ein. Aus dem anfänglich als Witz gedachten Namen “Horvath & Vater” wird ein “Horvath2″, kurz “Ho2“, was doppelt passend ist, da HOchschulberatung neben Psychotherapie, Coaching, Supervision, mentalem Training und Energiearbeit ein Schwerpunktthema dieser Praxis- und Bürogemeinschaft ist.

Als Lieblingsplatzerln nennt mir Lisa ….. genau(!): den Rosenhain, aber auch den für BesucherInnen offenen Garten bei der Leechkirche, der zum Verweilen einlädt.

Und falls Sie auf der Wiese vor der Uni eine junge Frau dabei beobachten, wie sie versucht, ihrem Hund etwas anzutrainieren, könnte es sich dabei leicht um Dr. Horvath handeln.

Quellen:

Cafe Fotter 

ÖH-Spritzerstand 

Zinsengrinsen 

Dr. Lisa Horvath 

fair-renderings

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