Andritz: vom ländlichen Leben in der Stadt und vom jugendlichen Sein

Die ursprüngliche Idee zu diesem Blog ist ja, durch die Bezirke zu streifen und Menschen danach zu fragen, was für sie den Bezirk liebens- und lebenswert macht.

Gesagt, getan!

Lisi findet den Bezirk super grün und schätzt die Tatsache, dass es alleine am Andritzer Hauptplatz 4 Bäckereien gibt und somit die Vielfalt und Abwechslung garantiert ist. Man lebt in Andritz in der Stadt und doch am Land, der Andritzer Hauptplatz ist etwas Besonderes, er gilt nicht nur verkehrstechnisch als Treffpunkt.

Karin lebt eher aus Zufall in Andritz, ist aber froh darüber und genießt die Privatsphäre, die Radwege, die ihr einen Weg zur Arbeit von nur 12 Minuten ermöglichen und die guten Laufstrecken.

Gerhard hebt den Dorfcharakter hervor, in Andritz lebt man in der Stadt und gleichzeitig im Grünen, das Erholungsgebiet beginnt quasi vor der Haustüre, je nach Lage genießt man auch eine schöne Aussicht auf den Rainerkogel. Für die “Stadtkinder” aus Andritz ist ein Bauernhof oder Rehe am Waldrand nichts Außergewöhnliches. Bim und Bus bieten eine Super-Anbindung ins Zentrum und vor 15 Jahren waren Immobilien tatsächlich auch noch leistbar.

Gerwig wähnt sich ebenso am Land, genießt Lauf- und Radstrecken (direkt von der Haustüre weg), hat einen Bauernhof in der unmittelbaren Nachbarschaft und ist dennoch in 20 Minuten mit dem Rad am Grazer Hauptplatz. Das Job-bedingte Pendeln in den Norden ist von Andritz aus auch viel leichter, der Bezirk bietet eine tolle Infrastruktur, es ist alles da, was man braucht, die Wege sind kurz. In den Süden”muss” man nur, wenn man ins schwedische Möbelhaus möchte.

Silvie findet, sie lebt in Andritz nicht ganz in der Stadt, aber auch nicht auswärts, sie nutzt die vielen Radwege, um schnell ins Zentrum zu gelangen und genießt es, dass es viele Leute in ihrem Alter gibt.

Soweit die Kommentare von ein paar jener Menschen, mit denen ich gesprochen habe. Mein Plan, möglichst vielfältige Eindrücke von Andritz in meinen Blog zu packen, ist auf spezielle Weise aufgegangen: nämlich nicht im Sinne “was ist gut und was ist schlecht in Andritz” sondern vielmehr “wie viele Menschen finden ihren Bezirk aus ähnlichen Gründen lebens- und liebenswert”. Herausgekommen ist ein sehr positives Bild von Andritz, einem Bezirk, in dem die Menschen offenbar sehr gerne wohnen/leben und am öffentlichen Leben teilnehmen.

Und wie schaut es eigentlich mit der Jugend in Andritz aus? In einem Interview mit Frau Michelle Kammerhofer, Bakkª. phil.M.A. und Frau Magª Susanne Rettenbacher habe ich Einblicke in dieses Thema erhalten. Sie gehören zum Team des Jugend[café]s Andritz.

Foto: Jugend[café]

An dieser Stelle möchte ich gleich einmal ein eventuell bei dem einen oder der anderen noch existierendes Bild von einem Jugendzentrum zurechtrücken. Kann sein, dass man sich selbiges als uneinsichtige Höhle vorstellt, vollgesprüht mit Graffitis, aus der extremer Lärm dringt, …. Kann sein, dass es solche Jugendzentren auch tatsächlich gibt. Das Jugend[café] Andritz ist aber definitiv anders.

Schon bei der Planung wird die Stimme der Jugend gehört, die sich ganz klar für ein schönes Jugendzentrum ausspricht. Das Konzept für die gelungene, helle, freundliche, ansprechende und mitunter originelle Innengestaltung stammt dann tatsächlich von Jasenko Conka von heidenspass. Susanne erzählt, dass viel gelacht werde und ich wage zu behaupten, dass diese gute Laune ganz sicher mit dem hellen, offenen Umfeld zu tun hat.

Foto: Jugend[café]

Ich sitze also zu Beginn der Öffnungszeiten im Jugend[café] und beobachte die hereinkommenden jungen Menschen. Die Tatsache, dass sie sich so verhalten, wie sie es mit großer Wahrscheinlichkeit auch daheim tun (reinkommen – Schultasche in die dafür vorgesehene Ecke “pfeffern” –  schnell an der Theke loswerden, was vielleicht heute gut oder schlecht gelaufen ist – und rein ins “Getümmel”) läßt vermuten, dass sie das Jugend[café] als “ihr” Wohnzimmer betrachten, was durchaus gewollt und im Sinne des Erfinders ist.

Grundsätzlich sind Jugendliche von 12-19 Jahren das Zielpublikum, Mädchen sowie Burschen. Kommt ein jüngeres Kind vorbei, darf es einen Nachmittag lang “schnuppern” und ist wieder herzlich willkommen, sobald es 12 Jahre alt ist. Entwächst einE JugendlicheR der Altersgruppe, fällt er/sie nicht gleich automatisch auch aus dem Jugendzentrum raus
. Oft ergibt es sich jedoch, dass die jungen Erwachsenen, bedingt durch Ausbildung oder Beruf, keine Zeit mehr für das Jugend[café] haben. Umso mehr freut es die MitarbeiterInnen, wenn dann doch ein/eine “alteR” JugendlicheR auf Besuch kommt und erzählt, wie es im Leben so läuft.

Foto: Jugend[café]

Seit einiger Zeit sind die letzten drei Stunden Öffnungszeit in der Woche den Jugendlichen ab 14 Jahren gewidmet (freitags 17.00 bis 20.00 Uhr) … mit interessantem Effekt: sobald die Jüngeren heimgehen und die Großen unter sich sind, passiert Erstaunliches. Es wird ruhiger – sozusagen chilliger – die Jugendlichen fühlen sich größer und erwachsener, sie machen zwar eigentlich das Gleiche, was sie sonst machen, nur nehmen sie mehr Raum ein. Mitunter spielen sie in dieser Zeit auch exakt jene Spiele, die sonst “nur die Kleinen” spielen.

Auch wenn manchmal der eine oder die andere im Jugend[café] lernt oder die Hausaufgabe macht, so ist dies doch nicht das vorrangige Ziel eines Jugendzentrums. Vielmehr geht es darum, den Jugendlichen einen Raum – frei von Konsumzwang – zur Verfügung zu stellen. Die kompetenten MitarbeiterInnen fungieren als Vertrauenspersonen, die in erster Linie zuhören und wenn nötig an die zuständigen Stellen und Institutionen vermitteln. Da – so berichtet Michelle – macht sich ihre gute Vernetzung im gesamten Sozialraum bezahlt.

Das Team des Jugend[café]s versteht sich auch als Reibebaum bzw. “Übungspark” für den Alltag.

Foto: Jugend[café]

So wird viel diskutiert, über Ausdrucksweisen, wie man sozial agiert, welche Konfliktlösungsstrategien wie funktionieren etc. Dabei stellt sich immer wieder heraus, dass die Jugendlichen es oft gar nicht gewohnt sind, dass ihnen tatsächlich jemand zuhört und sie gefordert sind, an der Lösung des Problems aktiv mitzuarbeiten.

Alles in allem gefällt mir dieser Ort für junge Menschen extrem gut und ich gehe als Mama durch die Türe hinaus mit dem Gedanken: “Das wär doch was für meine Tochter!”

 

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