Von Bedürfnissen zu gelebten Träumen: was wir aus der Reihe „Wie wohnst du?“ mitnehmen

Für die letzte Reihe des Nachbarschaftsblogs sind wir, Anna und Viktoria, im Gespräch mit Menschen, die Einblicke in ihre Wohnsituation geben. Bevor wir uns anderen Themen widmen, möchten wir reflexiv in die Vergangenheit blicken. Was sind Erkenntnisse der Interviews, welche Wohnbedürfnisse einen uns und was bedeutet es, über Wohnträume nachzudenken?

Wir versuchen, Wohnvielfalt darzustellen: Wir sprechen mit Jung und Alt, Menschen, die in der Stadt und am Land leben sowie Mieter:innen und (Gemeinschafts-)eigentümer:innen. Kritisch anzumerken ist, dass in dieser Blogreihe keine Kinder befragt werden, die leider auch im gesellschaftlichen Diskurs oftmals unterrepräsentiert sind.

Manche unserer Interviewpartner:innen sind in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnen und bringen ihm viel Aufmerksamkeit entgegen. Andere denken darüber weniger nach. Reflexion schafft ein erhöhtes Bewusstsein über die eigenen Wohnbedürfnisse, die sich naturgemäß über die Zeit hinweg verändern. Damit kann der Versuch unternommen werden, seine Lebensrealität an seine Bedürfnisse anzupassen. Eine Auseinandersetzung ist aber nur möglich, wenn Wohnen kein existentielles Problem für Menschen darstellt, es leistbar ist und Wohnverhältnisse nicht prekär oder beengt sind.

Einige grundlegende Wohnbedürfnisse einen uns Menschen. Die existenziellen Bedürfnisse nach Rückzug, Privatheit sowie Zugehörigkeit und Gemeinschaft haben wir oftmals ebenso gemeinsam wie die Sehnsucht nach Natur, Ruhe bei gleichzeitigem Angebundensein an Infrastruktur.

An diesen Beispielen zeigt sich, dass wir manchmal mehrere, auch konträre Wohnbedürfnisse verspüren können. Wir sind gefordert, sie zu priorisieren und sie in eine positive Spannung zu bringen:  Wie viel Rückzugsraum benötige ich? Wie viel Gemeinschaft ist mir ein Bedürfnis? Vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen birgt das Konfliktpotential, das uns zum empathischen Ausverhandeln herausfordert. Beispielhaft seien hier zwei grundlege Spannungsfelder angeführt, die sich um existenzielle menschliche Wohnbedürfnisse drehen.

Natur versus Kultur

Auf der einen Seite schätzen wir buntes, städtisches Treiben und gute Erreichbarkeit von Verkehrsinfrastruktur und Kultureinrichtungen. Auf der anderen Seite sehnen wir uns nach Ruhe, Naturräumen und Erholung. Es wird in den Interviews deutlich, dass den Personen ein nachhaltig gelebter Dialog mit der Natur ein Anliegen ist: Das beginnt beim Planen und Bauen und zeigt sich nicht zuletzt in unserer Art zu wohnen. Die Nähe zu Parks und Naherholungsgebieten, Sporteln im Wald, Bepflanzen von Gärten oder Schwimmen im nahegelegenen Fluss tragen zur Wohnqualität bei.

Architektur und Raumplanung spielen in diesem Kontext eine bedeutende Rolle. Es gibt eine Rückkoppelung zwischen Ort und Individuum: Wir prägen unsere Umwelt – zunehmender Bodenverbrauch sei an dieser Stelle als Zukunftsproblem genannt. Räume, die uns umgeben, beeinflussen wiederum uns als Personen und Gesellschaft.

Individualismus versus Kollektivismus

Ein spannender Diskurs, der sich in unserer Blogreihe auftut, ist jener über die Grenzen des persönlichen Wohnbereichs. Wo beginnt und wo endet er? Fängt Wohnen erst hinter der Schwelle der eigenen Wohnungstüre an oder kann ich die Allgemeinflächen einer Wohnsiedlung zu meinem Refugium zählen? Fakt ist, dass wir zwischen privaten Rückzugsräumen und halböffentlichen Räumen unterscheiden. Letztere beschreiben jene Räume, die jenseits des Privaten zwar für eine geschlossene Gemeinschaft vorgesehen, doch unter bestimmten Umständen auch für eine erweiterte Gruppe von Menschen zugänglich sind.

In zwei der von uns geführten Interviews berichten Menschen von ihrer bewussten Entscheidung, sich mit Gleichgesinnten eine gemeinsame Wohninfrastruktur zu schaffen. Gudrun Chase, Bewohnerin einer US-amerikanischen Siedlung, spricht über die Vorteile ihres Wohnumfeldes, in dem sich die Bewohner:innen der Siedlung über eine für ältere Menschen zugeschnittene Infrastruktur erfreuen. Matthias Schlögl, Bewohner des Kowoo, gibt uns Einblicke in die Vision eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts, das sich auf gesellschaftliche Werte wie Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit stützt. Projekte werden im Rahmen soziokratischer Entscheidungsprozesse ausverhandelt, geplant und umgesetzt. Beiden Wohnformen gemeinsam ist der Wille nach kooperativer Nutzung von Räumen und Gütern. Unterschiede bestehen in der Verwaltung: werden Verwaltungsagenden der US-amerikanischen Siedlung für Pensionisten ausschließlich von externen Firmen übernommen, setzt das Kowoo ganz bewusst auf Selbstverwaltung. Damit sind die BewohnerInnen nicht nur in einer Nutzungs-, sondern vor allem in einer Gestaltungsrolle.

Utopie versus Realität

Auf die Frage „Wie wohnst du in deinen Träumen?“ werden viele realistische Träume geschildert. Die Rede ist nicht von der Marsbesiedelung, dem Leben auf einer einsamen Insel oder im rosaroten Luftschluss. In den Gesprächen wurden Ideen nebenbei auf ihre Durchführbarkeit geprüft. Doch das Denken in Utopien kann als spielerische Methode dazu dienen, Antworten auf Fragen zu finden, die für uns heute noch nicht greifbar sind.

Visionen sind sinnstiftend, wenn sie konstruktive Kritik an aktuellen Verhältnissen und gleichzeitig zukunftsweisende Perspektiven liefern. Ein gesellschaftlicher Diskurs über Wohnutopien erschließt uns damit neue Möglichkeitsräume und trägt zum gelingenden Wohnen aller bei.

 

Anna Kollreider

Viktoria Fröhlich

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