Stimmen im Kopf – die unsichtbaren Konfliktpartner

Manchmal ist es so schon schwierig genug, mit dem Nachbar bezüglich gewisser Probleme auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Doch was, wenn diese Probleme für einen der beiden Nachbarn gar nicht sichtbar sind? Wenn diese Probleme ihren Ursprung in den Wahrnehmungen des anderen haben? Auch psychische Erkrankungen sind – besonders, wenn die Nachbarn darüber nicht Bescheid wissen – ein Punkt, der durchaus zu Konflikten führen kann.

Frau S. hat es nicht leicht im Leben. Dass sie psychisch nicht stabil ist, weiß sie. Dass die wüsten Beschimpfungen, die sie ständig zu hören glaubt, ihrem eigenen Kopf entspringen, weiß sie nicht.

Beinahe täglich meint sie, die Stimmen ihrer Nachbarn zu vernehmen, die sie beleidigen, noch dazu direkt vor ihrer Wohnungstür. In ihrer Frustration darüber, so deutlich zu hören, wie so abschätzend über sie gesprochen wird, setzt sie sich mit dem einzigen Mittel zur Wehr, das ihr einfällt: sie schreit den schimpfenden Stimmen die obszönsten Beleidigungen entgegen, die ihr in den Sinn kommen. Mitten am Tag. In der Siedlung, in der sie wohnt.

Nicht nur, dass dieser plötzliche Schwall an Wortflüchen auf Dauer belastend für die Nachbarn ist, die in Wahrheit nicht ein einziges Mal schlecht über Frau S. geredet haben, auch wissen diese nichts von ihrer psychischen Krankheit und davon, wie sie damit umgehen sollen.

Nachdem sich die Nachbarn schließlich dazu entschließen, das Nachbarschaftsservice zu informieren, stellt sich schnell heraus, dass ein Wahrnehmungsproblem vorliegt. Obwohl es für Frau S. nicht möglich wäre, die Nachbarn bis in ihre Wohnung schimpfen zu hören und auch anwesende Personen keinen Laut vernehmen können, als sie meint gegenwärtig mit bösen Worten konfrontiert zu sein, ist sie trotzdem überzeugt davon, dass die Stimmen in ihrem Kopf real sind.

Solche Wahrnehmungen, die aus subjektiver Sicht für die betroffenen Personen wie Frau S. komplett echt wirken, sind für die Menschen in ihrem Umkreis nicht einfach zu handhaben, auch, wenn sie bereits von den psychischen Problemen der Betroffenen wissen.

Natürlich ist der Umgang mit solchen Fällen leichter, wenn die psychische Krankheit bereits diagnostiziert wurde. Bloße Vermutungen von Außenstehenden reichen für eine Diagnose nicht aus. Betroffene Nachbarn sind in jedem Fall gut beraten Fachexperten zur Rate zu ziehen. Sie können ihre Handlungsmöglichkeiten erfragen und sich darüber informieren, wie sie sich am besten gegenüber Frau S. verhalten bzw. wie sie ihr gegebenenfalls auch helfen können. Für die psychisch erkranke Person selbst gilt, dass solange sie niemanden selbst- oder fremdgefährdet, es auch in ihrer Verantwortung liegt, ob sie medizinische bzw. psychiatrische Hilfe in Anspruch nimmt. Kommt es allerdings zu Vorfällen, die zu drohenden Gefahren für sie selbst oder andere werden, sollte in jedem Fall die Polizei bzw. Rettung konsultiert werden. So belastend also beispielsweise das wüste Fluchen von Personen wie Frau S. für das unmittelbare soziale Umfeld sein mag, damit richtig umzugehen bedeutet sich gemeinsam mit anderen Betroffenen ein stabiles soziales Netz mithilfe fachlicher Experten aufzubauen.

 

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