Was heißt es, zu gedenken?

„Was heißt es eigentlich, zu gedenken?“ Wie komplex diese Frage ist, fiel mir selbst erst auf, als ich diesen Artikel verfasst habe. Wie sieht Gedenken aus? Wer kann gedenken? Was ist überhaupt die Definition von Gedenken?

Ursprünglich hatte ich eine ganze Liste an Ideen, die ich unterbringen wollte, doch sobald ich damit begonnen hatte, zu schreiben, verflogen diese ganz schnell. Wie von selbst wuchs und wuchs das Dokument, an dem ich arbeitete, und ehe ich mich versah, hatte ich sie: Meine eigene Definition des Wortes „gedenken“.

Als ich das erste Mal begriff, was es heißt, zu gedenken, lag ich unter einigen anderen Leuten auf einem Leichenhaufen. Richtige Leichen waren es nicht, wir führten Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“ auf der Theaterbühne unserer Schule auf.

Gerade waren wir bei dem Abschnitt angelangt, in dem der Vater Guido mit seinem schlafenden Sohn Giosuè im KZ auf einen Stapel menschlicher Leichen stößt. Der einzige Text, der in dieser kurzen Szene fällt, ist: „Ein Glück, dass du schläfst, Giosuè. Denn das hier könnte ich mir nicht einmal selbst erklären.“

Und während ich da im Halbdunkel unter meinen Theaterkollegen vergraben war, nur beleuchtet von einem einzigen gedimmten Scheinwerfer, wurde mir so einiges bewusst, was mir mein Geschichtsunterricht bis dahin nicht vermittelt hatte: Jeder einzelne Mensch unter den Opfern des Holocausts hatte sein eigenes Leben, seine eigenen Träume, seine eigenen Liebsten. Das waren nicht nur Nummern, wie sie in den KZs geführt wurden – das waren lauter Individuen, die nun in den Geschichtsbüchern zu schockierend großen Nummern zusammengefasst werden.

Vor dieser einen bestimmten Aufführung war mir das Ausmaß des Holocausts nie ganz klar gewesen. Doch nach diesem Abend begann ich, mir Bücher zu kaufen und zu borgen, die mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Ich vertiefte mich nicht in die Thematik des Weltkriegs, sondern in die Leben der Menschen, die diesen erleben mussten. Nicht nur die Geschichten der Opfer interessierten mich, auch die der Täter hatten mein Interesse geweckt – ich wollte nicht nur Fakten, ich wollte auch die Leute dahinter kennen.

Als wir schließlich auch im Deutschunterricht den Nationalsozialismus durchnahmen, sollten wir bei einer Schularbeit einen inneren Monolog eines Jungen verfassen, dessen jüdischem Freund der Zutritt in einen Schutzbunker verweigert wurde. Ich weiß jetzt noch, wie mir während dieser einen Stunde immer wieder Tränen in die Augen stiegen, weil ich förmlich die Wut des Jungen spüren konnte.

In meinem letzten Schuljahr stand schließlich ein Besuch des KZ in Dachau auf dem Plan. Das Wetter an diesem Tag war genau so, wie sich das KZ selbst anfühlte: Kalt, grau und trostlos. Weder ich, noch meine Schulkollegen brachten es übers Herz, uns lauter als im Flüsterton zu unterhalten. Die meisten von ihnen machten dieselbe Entdeckung, die ich auf der Bühne gemacht hatte: Die Personen, die hier einst in den Baracken gestanden hatten, waren nicht einfach „nur“ Opfer. Sie waren Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, Mütter und Väter – nicht nur gesichtslose Fremde, deren einzige Bedeutung darin bestand, Opfer zu sein.

Damit auch die zukünftigen Generationen verstehen können, dass sie trauern können und gedenken können, dafür braucht es beides: Zum einen den Geschichtsunterricht, der ihnen die wichtigsten Geschehnisse vor Augen führt und ihnen das Ausmaß des Holocausts bewusst macht. Und zum anderen die Literatur, die ihnen vermittelt, dass man nicht einfach als Opfer geboren wird, sondern dass eines Tages auch sie selbst betroffen sein könnten, wenn sich die Geschichte wiederholt, aus der wir eigentlich hätten lernen sollen.

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