Sekten: Wie kann man Menschen helfen, die in die Fänge einer Sekte geraten sind? 2/2

Versucht man, einem Sektenmitglied zum Ausstieg zu verhelfen, so kann dies sehr schnell nach hinten losgehen. Egal, wie nahe man sich zuvor gestanden haben mag – je nachdem, wie weit die Indoktrination der Sekte bereits fortgeschritten ist, hat der oder die Betroffene längst schon kein offenes Ohr mehr für Kritik und sieht Skeptiker lediglich als Personen, die „es einfach nicht verstehen“. Um nicht einen Kontaktabbruch zu riskieren, muss man sehr vorsichtig vorgehen. Sehr direkte Vorwürfe und Bitten bringen einen selten zum Ziel, wenn man versuchen möchte, die betroffene Person am Weg in ein sektenfreies Leben zu unterstützen. Was also sollte man stattdessen tun?

Als erstes ist es wichtig, sich ein Bild von der Lage zu machen: Welcher Gruppe ist die betroffene Person beigetreten? Was sind die Ideologien der Sekte? Wer sind die Mitglieder? Gerade in den ersten paar Wochen sind frischgebackene Sektenanhänger:innen besonders redselig und tun nichts lieber als über ihre Gemeinschaft zu plaudern. Diese anfängliche Phase ist also optimal dafür, so viele Informationen wie möglich über die Sekte zu erhalten, ohne dabei Skepsis bei dem oder der Betroffenen zu erwecken. Gleichzeitig sollte man sich auch darum bemühen, das „Verstehen“ der betroffenen Person beispielsweise anhand der Berichte ehemaliger Sektenangehöriger zu erarbeiten und auf diese Weise möglicherweise auch von denjenigen Praktiken der Sekte zu erfahren, die nicht in den Erzählungen des oder der Betroffenen auftauchen.

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Besonders entscheidend ist es außerdem, von Anfang an darauf zu achten, eine enge Beziehung und eine gute Vertrauensbasis mit der betroffenen Person herzustellen und zu erhalten. In den meisten Fällen isolieren sich Sektenanhänger:innen von ihrem Freundes- und Verwandtschaftskreis oder werden von diesem ausgeschlossen, weil sie stets versuchen, andere von ihren oft radikalen Ansichten zu überzeugen. Anstatt also stets die Sekte zum Streitthema zu machen oder sich von ihm oder ihr abzuwenden, sollte man sich lieber darum bemühen, für den oder die Betroffenen eine Art Ankerpunkt außerhalb der Sektengemeinschaft darzustellen.

Zudem kann man einem Sektenmitglied dadurch bei der Entscheidung zum Ausstieg beistehen, dass man diesem anhand von gemeinsamen Aktivitäten zeigt, dass auch das Leben außerhalb der Sekte seinen Reiz hat. Seien es nun Spaziergänge in der freien Natur, ein netter Grillabend oder ein Spielenachmittag – hierbei geht es vor allem darum, dass der betroffenen Person bewusst wird, welche Freiheiten ihr durch all die Zeit, die sie für die Sekte aufwendet, entgehen. Außerdem kann dem oder der Betroffenen dadurch klar werden, dass das Schreckensbild, das die Sekte in einigen Fällen von der Außenwelt zeichnet, nicht wirklich mit der Realität übereinstimmt.

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Der letzte Punkt, auf den man achten sollte, ist zugleich auch der schwierigste: Zweifel säen. Hier kann man sehr vieles falsch, aber auch richtig machen. Zunächst ist es besonders wichtig, dass man lieber Fragen stellen anstatt konfrontativ kommunizieren sollte. In dieser Form kann man den oder die Betroffene:n vorsichtig auf Widersprüche in den Lehren der Sekte hinweisen, ohne dass man dabei klingt, als würde man ihm oder ihr etwas vorwerfen. Hat man sich behutsam daran herangetastet, die betroffene Person auf Unstimmigkeiten innerhalb der Sektenideologien hinzuweisen, so kann man zu etwas konkreteren Fragen übergehen. Vor allem hypothetische Fragen wie etwa die, unter welchen Umständen er oder sie die Gemeinschaft verlassen würde, können dabei hilfreich sein. Man kann etwa auch fragen, ob der oder die Betroffene dazu bereit wäre, sich mit einem oder einer Sektenaussteiger:in zu unterhalten. Das Ziel hierbei ist, ihn oder sie dazu zu bringen, wieder kritisch zu denken und bestenfalls infolge dessen auch tatsächlich einen Ausstieg in Erwägung zu ziehen.

Während all dieser Schritte kann es außerdem förderlich sein, sich selbst professionelle Unterstützung zu holen, sollte man das Gefühl haben, überfordert mit der Situation zu sein.

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Quellen:

https://www.jwinfo.de/mitgliedern-von-kulten-helfen/

https://www.spiegel.de/panorama/was-tun-wenn-jemand-in-eine-sekte-abrutscht-a-00000000-0003-0001-0000-000000071520

https://www.swissinfo.ch/ger/problematischer-glauben_wie-man-einen-geliebten-menschen-aus-einer-sekte-befreit/45117858

https://www.bundesstelle-sektenfragen.at/beratungsstellen/

Beitragsbild: Foto von Toa Heftiba auf Unsplash

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