Sekten: Wie gelangt man in eine Sekte? 1/2

Wer am ehesten ins engmaschige Netz einer Sekte gerät, haben wir bereits letzte Woche festgestellt. Nun bleibt aber trotzdem noch eine Frage: Wie genau rutscht man eigentlich in eine Sekte hinein? Immerhin denkt sich doch kaum jemand – egal, in welcher Lebenslage man sich befindet –, dass es doch eine gute Idee wäre, einfach mal einer Sekte beizutreten, gerade dann, wenn diese bereits als Sekte bekannt ist. Bloß an den Versprechen und Ideologien der Sekte scheint es wohl auch nicht zu liegen, diese sind nämlich oft nicht restlos überzeugend, wie jeder weiß, der einmal auf der Straße von einem Mitglied einer suspekten Gemeinschaft angesprochen wurde. Wie also kann es passieren, dass Leute dennoch sehr leicht Opfer von Sekten werden können?

Der Prozess, wie denn nun ein Mensch tatsächlich in eine Sekte gerät und in dieser gefangen bleibt, ist tatsächlich sehr komplex und üblicherweise sehr genau von der jeweiligen Sekte geplant. Die Indoktrination – also die freiwillige Beeinflussung durch Ideologien –, die dabei stattfindet, läuft meist in fünf Schritten ab: Anwerbung, Einführung in die Heilslehre, Einbindung in die Gruppe, Entfremdung von der Umwelt und Isolation und schließlich Festigung der Heilslehre.

Foto von Aarón Blanco Tejedor auf Unsplash

Der erste Kontakt mit einer Sekte kann nahezu überall stattfinden: In Nachhilfeorganisationen, in Studentenorganisationen, am Weg durch die Stadt, im Internet, durch Freund:innen oder sogar am Schulweg. Wie auch immer man nun an die Sekte gekommen sein mag – in nahezu jedem Fall beginnt zunächst die Anwerbung. Hierbei zielt die Sekte gekonnt darauf ab, die Sehnsüchte der Umworbenen anzusprechen, um deren Interesse zu erlangen. Dabei geben sich die Sektenanhänger:innen ausgesprochen freundlich und offen und geizen nicht mit detailreichen Erzählungen darüber, wie sehr sich ihr Leben seit dem Beitritt zum Besseren gewendet hat. Das makellose Bild einer harmonischen Gesellschaft wird dem oder der Interessierten durch antrainierte Glücksseligkeit und Euphorie präsentiert, was in diesen häufig das Bedürfnis nach Geborgenheit auslöst. Mögliche Bedenken, die durch die öffentliche Kritik bestehen, werden durch sorgfältig herausgepickte oder schwer nachprüfbare Informationen schnell beiseite gewischt, teils wird von den Anwerbern sogar aus taktischen Gründen heraus die Heilstheorie ihrer Sekte verleugnet.

Foto von Headway auf Unsplash

Hat der oder die Angeworbene angebissen, so geht es weiter mit Phase zwei der Indoktrination: Der Einführung in die Heilslehre. In diesem Schritt geht es der Sekte darum, noch mehr Einfluss auf die Gefühle und Gedanken der betroffenen Person auszuüben. Durch Kurse, Seminare, Bibelstunden oder Video- und Tonaufnahmen werden den Interessenten die Ideologien der Sekte behutsam nähergebracht, um kein Misstrauen oder gar Ablehnung zu erwecken. Wichtig ist der Sekte hierbei, dass die Neuankömmlinge schnell Heilserlebnisse erfahren, die angebliche Erlösung allerdings dennoch außer ihrer Reichweite liegt – und das auch für immer tun wird, ansonsten wäre die Sekte immerhin überflüssig. Eine besonders entscheidende Rolle spielen auch die anderen Sektenmitglieder, die den neuen Anhänger:innen gegenüber als Vertrauenspersonen auftreten und diese durch persönliche Gespräche vorsichtig mit den Inhalten Sekte bekannt machen.

Die übrigen drei Schritte der Indoktrination folgen im nächsten Beitrag.

 

Quellen:

https://www.grin.com/document/94975

https://de.slideshare.net/goodjohn82/prdispositionen-von-sektenmitgliedern-methoden-der-indoktrination-und-psychologische-erklrungen-11385245

Beitragsbild: Foto von Max Kleinen auf Unsplash

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