Nein ist nein

Bedingungslos. Ohne Ausnahme. Auch wenn es manchmal zaghaft, unsicher, ja vielleicht sogar leise ausgesprochen wird. Das berühmte Wort mit den vier Buchstaben besitzt auch dann noch seine Gültigkeit. Es ist ein Begriff, der Grenzen setzt, Ablehnung zum Ausdruck bringt, aber auch die eigenen Vorstellungen, Wünsche und Ziele absteckt. Ein Terminus, der durchaus polarisiert und vor allem in der Erwachsenenwelt mehr und mehr an Popularität einbüßt, stattdessen Seltenheitswert gewinnt. Als Minimenschen jedoch haben wir ihn wohl häufiger zu Ohren bekommen. +++ Nein, vor dem Essen gibt es keine Schokolade! +++ Haaaalt, nicht in die Lacke hüpfen! +++ Nein, wir spielen jetzt nicht Verstecken, du gehst ins Bett! +++ Stopp, im Winter wird kein Sommerkleid angezogen! +++ Das Nein stand hier praktisch an der Tagesordnung. Und so war es bei vielen wohl auch einer der ersten Begriffe, die sie neben „Mama“ oder „Papa“ sagen konnten. Anfangs vielleicht noch, weil man es uns immer und immer wieder vorgekaut hat, weil es einfach zu merken war – das Wort mit seinen vier Buchstaben. Später dann, weil wir dessen Bedeutung erkannt, gelernt haben, dass es dabei um uns selbst geht, wir ganz bestimmte Reaktionen auslösen können. Wir haben also Nein gesagt. Zu unseren Eltern, im Kindergarten, bei einem Tobsuchtsanfall im Supermarkt. Später dann zu unseren Lehrenden, zur Schule, Nein zu den Hausaufgaben, zu Konventionen oder Zwängen. Wir waren überzeugte „Neinsagerinnen“, „Dagegenseier“ – Rebellinnen und Rebellen, durch und durch.

Irgendwann jedoch ist Schluss damit. Wir hören auf, uns aufzulehnen,  lernen, was es heißt, angepasst zu leben – Neinsagen, das kommt nur noch selten in Frage. Stattdessen stimmen wir nun häufiger zu, sagen zu vielem „Ja“, wenn wir eigentlich „Nein“ meinen. Wir werden leiser, ducken uns, senken den Blick, schauen weg, wenn es um klare Antworten, Meinungen, Positionen geht. Bloß nicht auffallen. Nur nicht irgendwo anecken.

Denn das Nein zieht eine Grenze zwischen uns und den Anderen. Es ist ein trennendes Wort, eines, das durchaus auch verletzen, zurückweisen kann. Ein Begriff, der Dinge beendet, eine klare Linie zieht. Und genau davor haben wir Angst. Schließlich passt das Nein nicht zu unserem harmoniebedürftigen Leben, dem Wunsch nach Anerkennung. Wir haben gelernt, den Erwartungen unserer Mitmenschen gerecht zu werden, im großen gemeinsamen Strom still und unauffällig mitzuschwingen. Ein Nein könnte diesem Ideal in die Quere kommen, andere vor den Kopf stoßen, ja sogar enttäuschen, Konsequenzen mit sich ziehen. Und so sagen wir weiterhin munter fröhlich Ja. Ja zu Menschen, die uns eigentlich nicht gut tun, ja zu den vielen Überstunden, obwohl wir merken, dass bei uns die Luft raus ist, ja zu unseren Zukunftsplänen, die eigentlich nicht wir, sondern unsere Eltern für uns geschmiedet haben. Ja. Immer und immer wieder. Ja. Und wenn dann doch mal ein Nein hermuss, weil es wirklich nicht anders geht, weil es die Situation erzwingt, wird es von uns schön verpackt, in Watte gebettet, umschrieben, um die damit gezogenen Linie im Notfall auch wieder auszuradieren.

Ein Plädoyer für vier Buchstaben
Doch wir vergessen, dass wir mit jedem falschen Ja auch uns selbst hintergehen, die eigenen Vorstellungen, Wünsche, Meinungen auf perfide Art und Weise untergraben. Langsam entwickeln wir uns so zu Einheitsmenschen, Individuen ohne echter Individualität, zu einer breiten Masse, die ohne Wenn und Aber in die gleiche Richtung schwimmt. Und das, obwohl unser eigenes Nein auch einen Weg für uns parat hätte. Denn mit diesen vier Buchstaben könnten wir uns selbst positionieren, versuchen eine Grenze zu ziehen, herausfinden, wo wir im Vergleich zu anderen stehen – wer bist du, wer bin ich? Es ist die Fähigkeit, zu wissen, was man will. Das Nein gehört alleine uns und sollte dann, wenn es notwenig auch wirklich ausgesprochen werden. Selbst wenn es Mut erfordert, uns viel Überwindung kostet – am Ende ist es ein Wort, mit dem wir unseren Zielen einen Schritt näher kommen können. 

Denn wir haben das Recht unseren eigenen Weg zu gehen. Entscheidungen zu treffen, die für uns geschmiedeten Pläne abzulehnen, wenn uns nicht danach ist. Wir dürfen Nein sagen. Auch wenn wir damit vielleicht Familie, Freunde, Partnerinnen vor den Kopf stoßen. Wichtig ist, dass wir unsere Entscheidungen begründen, dem Gegenüber zeigen, dass sich unser Nein auf gut überlegte Argumente stützt. Nur so kann es nachvollziehen, unseren Willen leichter akzeptieren.

Wir haben aber auch das Recht uns gegen die eigene Regierungs- oder Weltpolitik auszusprechen. Meinungsfreiheit ist schließlich ein Menschenrecht, steht uns allen, unabhängig von Aussehen, Herkunft oder Glaube zu. Doch auch hier bringt uns das bloße Nein wenig. Wer nur motzt, mit Nichts einverstanden ist, wird die Geschichte nicht neu schreiben. Auch diese Ablehnung braucht Argumente, mögliche Alternativen. Das wiederum zeigt Interesse, dass man sich seine eigenen Gedanken gemacht, Überlegungen angestellt hat.

Es verlangt sehr viel Tapferkeit, sich seinen Feinden in den Weg zu stellen,
aber wesentlich mehr noch, sich seinen Freunden in den Weg zu stellen.
– Albus Dumbledore, aus Harry Potter und der Stein der Weisen –

Wir dürfen Nein sagen. Zur Familie, zu Freundinnen, Partnern aber auch zu Fremden. Wichtig ist, dass wir unsere Ablehnung wertschätzend formulieren, auch mal erklären, weshalb wir uns so entschieden haben. Unser Nein muss nicht automatisch schroff sein.

Wir haben das Recht auch mal Nein zu sagen. Bestimmt, klar und deutlich. Aber wir sollten dabei auch das Nein Anderer hören, aufmerksam durch die Welt spazieren und den ganz leisen Neinsagenden vielleicht auch mal unsere Stimme leihen.

 

Quellen
Nein, das befreiende Wort
Nein – das Protokoll eines Tages

Aktionssymbol © Friedensbüro Graz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.