Indigene Völker: Die Ogoni

Das Nigerdelta in Nigeria ist Ogoniland. 70.000 Quadratkilometer ehemaliges Paradies – Heimat von 1,5 Millionen Ogoni. Es war eines der größten Mangroven-Ökosysteme der Welt, beherbergte unzählige Arten von Tieren und Pflanzen. Die Menschen lebten vom Fischfang, Sammeln und Jagen. Von der Landwirtschaft. Heute kaum noch vorstellbar. Ein gigantisches Pipelinenetz zieht sich durch das Gebiet. Der Boden ist verseucht, das Wasser vergiftet, die Luft von pechschwarzen Rauchschwaden durchzogen. Ogoniland ist Ölland und macht Nigeria so zum größten Erdölproduzenten des Kontinents. Konzerne wie Eni oder Shell profitieren. Die Regierung auch. Immerhin basieren heute 80 Prozent des Staatshaushaltes auf den Einnahmen der Ölförderung. Vom Ressourcenreichtum ihres Landes profitiert die Bevölkerung jedoch kaum. Rund 70 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt gerade einmal 42 Jahre. Viele leiden unter chronischen. Atemwegserkrankungen. Vor allem Schwangere und Kinder sind betroffen.

Es ist eines der dramatischsten Beispiele für die katastrophalen Folgen des Rohstoffabbaus für indigene Völker. Die Ölmultis haben das Nigerdelta in eine schwarze Mondlandschaft verwandelt, die Region zu einer der verpestetsten der Welt gemacht. Zum Einen liegt das an der oftmals verwahrlosten und maroden Infrastruktur – einmal eine Pipeline verlegt, kümmern sich die Konzerne nur selten um die Restaurierung alter Rohre.

Ein weiterer Grund sind gezielte Anschläge auf die Leitungen durch Rebellen oder Ölpiraten. Seit Beginn der Ölbohrungen in den 50er Jahren haben dadurch mehr als zwei Milliarden Liter Rohöl das Ökosystem kontaminiert.

Großartiges Ogoni. Land der Ehre, Großes Ogoni, Land des Wohlstands. Ich warne das Volk der Ogoni: Wir werden nicht mit Macheten kämpfen, unser Kampf gründet sich auf Verstand und Frieden. Es soll kein Blut vergossen werden. 

– Ken Sao-Wiwa, 1995 kurz vor seinem Tod –

 

Sie haben sich aufgelehnt, angeprangert, auf sich aufmerksam gemacht. Seit Jahren kämpfen die Ogoni für eine Säuberung ihres Gebietes. Erst friedlich. Mit Protesten, Märschen und Kundgebungen. Damals noch unter der Führung von Ken Sao-Wiwa – Schriftsteller, Bürgerrechtler und Gründer der Organisation “Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes”, kurz MOSOP. Vor über 20 Jahren wurde ihm sein unermüdlicher Einsatz schließlich zum Verhängnis. Er starb am Galgen, trotz zahlreicher internationaler Proteste. Heute haben viele Ogoni die Geduld verloren. Ken Sau-Wiwas Worte über einen auf Verstand und Frieden gegründeten Kampf verblassten allmählich hinter zwei Jahrzehnten, in denen sich nichts verändert hatte. Der Enttäuschung folgte Verbitterung, die schließlich in militanten Bewegungen mündete und dort neue gewalttätige Ausdrucksformen fand. Immer wieder kam es zu Entführungen und Sprengstoffanschlägen auf Einrichtungen der Ölindustrie. Die Menschen kämpften nun mit allen Mitteln für mehr Selbstbestimmung, Rechte und Entwicklung im Nigerdelta.

Seit Jahren sind sie bekannt. Die ökologischen sowie gesundheitlichen und sozialen Folgen der Ölförderung für die vor Ort lebenden Bevölkerung. In zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurden sie festgehalten, dokumentiert. Proteste im In- und Ausland und schwere Vorwürfe von Seiten der Afrikanischen Kommission für Menschenrechte und Rechte der Völker führte schließlich zur Erstellung einer von den Vereinten Nationen durchgeführte Studie über die Folgen des Rohstoffabbaus in der Region. Doch auch nach deren Veröffentlichung im Jahr 2011 blieb Nigerias Regierung untätig. Leere Ankündigungen folgten.

2015 versprach der frischgewählte Präsident Muhammadu Buhari schnelle Hilfe. Er würde sich für die, von der indigenen Bevölkerung, geforderte Reinigung und ökologische Rehabilitierung des Nigerdeltas einsetzen. Doch mehr als die Umsetzung der Allgemeinen Erklärung der Rechte indigener Völker, interessierte sich Buhari für die Beseitigung der Spannungen in der Region, die die Ölförderung zu beinträchtigen drohten. Immer wieder musste er so von Organisationen an die angekündigte Rehabilitierung des Ogonilandes erinnert werden. Ein Jahr nach seiner Wahl, im Juni 2016 verkündete der Präsident schließlich den offiziellen Beginn der Säuberungsarbeiten im betroffenen Gebiet. Die Freude war groß. Die Mühen, das Durchhaltevermögen, der unerschrockene Einsatz der vergangenen Jahre hatte sich nun endlich bezahlt gemacht. So glaubte man. Umgerecht 896 Millionen Euro sollten in die Beseitigung der schwerwiegenden ökologischen Folgen der Ölförderung fließen.

Heute, fast zwei Jahre später sitzt die Enttäuschung tief. Kein einziger Tropfen Öl soll beseitigt worden sein. Die Säuberung des Gebietes steht nach wie vor nur auf dem Papier. Während die Ogoni nun endgültig die Geduld verlieren, gestattet die Regierung dem Öl-Konzern Shell weitere Probebohrungen für neue Ölfelder im Nigerdelta und nennt kurzfristige Finanzengpässe als Grund für die stockenden Sanierungsarbeiten. Was passiert denn dann mit all den Milliarden die das weltweit dritt-teuerstes Förderland Nigeria jährlich kassiert?

 

Quellen:

10 Jahre UNDRIP – Memorandum der GfbV Deutschland
Der Fluch im Nigerdelta – Deutschlandfunk
Erhobenen Hauptes zum Galgen – Deutschlandfunk
Ölförderung in Nigeria … – Fluchtgrund

Karte: © Christina Hauszer