Indigene Völker: Die Rarámuri

Seit 2007 gibt es sie also. Die United Nation Declaration on the Rights of Indigenous Peoples – eine Vereinbarung, die den weltweit etwa 6.000 indigenen Völkern mit mindestens 450 Millionen Angehörigen eine bessere Stellung im internationalen Recht gewährleisten soll. Gleichstellung, das Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe an Entscheidungen aller Art sind in der Deklaration fest verankert.

So sollen zum Beispiel Staaten in Zusammenarbeit mit den indigenen Völkern gezielte Maßnahmen ergreifen, um vor allem Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung zu bewahren. Aber auch die Erwachsenen dürfen keinen diskriminierenden Arbeitsbedingungen unterliegen. So will es jedenfalls die Deklaration. In Artikel 26 heißt es weiter, hätten die Betroffenen das freie Recht auf Land, ihre Territorien und alle damit verbundenen Ressourcen, die sie traditionell nutzen. Die Staaten sind dazu aufgefordert, diesem Land, den Gebieten und Ressourcen rechtliche Anerkennung und Schutz zu gewähren. Bräuche, Traditionen und Grundbesitzsysteme der jeweiligen Völker müssen dabei ebenfalls Berücksichtigung finden. Zusätzlich soll alles stets mit den Betroffenen abgesprochen werden. Bei Änderungen, wichtigen Entscheidungen bedarf es einer Zustimmung von Seiten der Indigenen Völker. Viele Staaten sehen das ein bisschen anders. Lockerer. So geht es ihnen hier viel mehr um das bloße Rücksprachehalten. Immer wieder wird den Indigenen Völkern dabei das Vetorecht zur Gänze abgesprochen. Es ist einer der größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem fairen Miteinander.

Dass es sich bei der Deklaration tatsächlich nur um eine reine Absichtserklärung handelt, die unterzeichnenden Staaten also keineswegs daran gebunden sind, zeigt auch die Geschichte der Rarámuri. Ursprünglich lebte das Volk im Flachland, im heutigen Chihuahua in México bevor es sich – auf der Flucht vor den Spanischen Eroberern vor über 500 Jahren – immer weiter in die zerklüfteten Täler des Canyons der Sierra Madre Occidental zurückzog. Die Rarámuri, auch als Tarahumara bekannt, sind eine der größten Indigenen Volksgruppen Nordamerikas. Die meisten von ihnen leben isoliert, weit voneinander entfernt in Holz- oder Ziegelhütten auf Felsvorsprüngen in der Barranca del Cobre – der Kupferschlucht. Ihr Fortbewegungsmittel – die eigenen Füße. Ihre Ausdauer, die Fähigkeit bis zu 200 Kilometer am Stück zurückzulegen, gab ihnen ihren Namen: Rarámuri – Jene, die schnell laufen.

 

Ein kleiner Einblick in das Leben der Rarámuri

 

Doch längst haben auch andere die Abgeschiedenheit der Sierra Madre Occidental für sich entdeckt. Das Entlegene Gebiet ist für kriminelle Banden besonders attraktiv. In den Tälern des Canyons herrscht subtropisches Klima – ideal für Cannabis- und Mohnplantagen. Und auch die höher gelegenen, schwer zugänglichen Dörfer haben ihren Reiz: Sie lassen sich zu versteckten Drogenlagern und Flugzeugplätzen umfunktioniert. Von dort aus starten die vollbeladenen Propellermaschinen in aller Ruhe in Richtung Norden.

Mit dem Sinaloa Kartell und dem aufsteigenden Kartell der Ciudad Juaréz haben nun die zwei größten Drogenkartelle des Landes ihre millionenschwere Geschäftsbasis im Siedlungsgebiet der Rarámuri. Immer mehr Dörfer fallen unter das Kommando der Narcos. Da werden Regeln und Gesetze erlassen, Ausgangssperren verhängt, Kinder entführt, Menschen gewaltsam zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen. Einige Rarámuri, oft Jugendliche, gehen freiwillig. Bei den Narcos erhoffen sie sich ein besseres Leben, Luxus, Macht. Andere schließen sich der Banden an, um ihre Familien zu schützen, in der Hoffnung, der Rest der Familie würde dann in Ruhe gelassen. Das Indigene Volk im Norden Méxicos wird von ihrem Lebensraum vertrieben, zunehmend enteignet.

Jeder, der sich den Kartellen stellt, laut wird, aufzeigt, ist gefährdet. So auch Rarámuri Isidoro Ballanero López. In den 90er Jahren kämpfte er gegen die zunehmende Abholzung im Canyon, gründete eine Organisation, organisierte Protestmärsche, Straßenblockaden. Später kritisierte er das zunehmende Vordringen krimineller Banden, machte darauf aufmerksam. 2005 wurde er für sein Engagement ausgezeichnet, 2016 dann von einem Unbekannten erschossen. Die Rarámuri haben keine Wahl. Sie brauchen Hilfe von Außen, von unabhängigen Entscheidungsträgern, von den Großen da oben.
Es ist höchste Zeit, dass hier jemand hinschaut.

 

Quellen:
Ein Volk im Würgegriff der Drogenkartelle – Deutschlandfunk Kultur
Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte Indigener Völker
10 Jahre UN Deklaration zu den Rechte Indigener Völker – GfbV
Die Läuferinnen der Kupferschlucht – aus dem Kalender der GfbV Österreich

Karte: © Christina Hauszer