Meinung bilden braucht Zeit

Vieles funktioniert heute auf Knopfdruck. Das Lesen von Online-Artikeln, das Kommentieren, das Verbreiten, Teilen von Informationen. Ein Daumenhoch hier, ein Dislike dort. Unsere Welt – ganz gleich ob analog oder digital – hat Fahrt aufgenommen. Die Dinge werden schneller, optimierter, nichts darf mehr unnötig Zeit kosten. Effizienz steht für Erfolg und der wiederum scheint heute ganz oben auf unserer „Liste“ zu stehen. Noch nie zuvor hatten wir derart wenig Zeit. Für die Arbeit, für Privates, die Familie … Und das, obwohl die Lebenserwartung heute dreimal so hoch ist, wie noch Jahrtausende zuvor.

Ein Filter für unsere Informationen
Vielleicht liegt es ja an unserer schnelllebigen Welt, dass heute auch für das Bilden der eigenen Meinung kaum noch Zeit bleibt. Wann haben wir Nachrichten, Informationen zuletzt gründlich überdacht, genau recherchiert, ehe sie von uns kommentiert, bewertet oder sogar geteilt wurden? Lesen wir uns tatsächlich alles durch? Geben den Gegenargumenten auch mal eine Chance? Immerhin gab es bereits im Rechtssystem des Alten Rom einen wichtigen Grundsatz zur Meinungsbildung: Audiatur et Altera pars – Gehört werde auch der andere Teil.

Im dichten Dschungel der Informationsflut kann es schwerfallen, sich genügend Zeit zu nehmen. Zu schnell erscheinen neue Nachrichten, prasseln Informationen auf uns ein. Hinzu kommen die Filterblasen auf Google, Facebook, Instagram und Co. Durch Klicks, Likes analysiert ein Algorithmus unser Suchverhalten – was gefällt, interessiert uns, wonach suchen wir? Aus dem riesigen Pool an Informationen sucht dieser dann genau jene heraus, die unseren Interessen am ehesten entsprechen.

Wir lesen und sehen also nur das, was uns sowieso schon anspricht, orientieren uns zusätzlich an Menschen und Medien die unsere eigene Weltsicht ebenfalls vertreten. Dinge, die sie liken, bekommen häufig auch von uns ein Daumenhoch. Innerhalb dieser Blase fühlen wir uns sicher, bestätigt, übersehen dabei jedoch schnell, dass es auch außerhalb noch andere Meinungen und Ansichten gibt. Wir erfahren nur einen Teil der Geschichte, die zweite Seite der Medaille, eine andere Version des Ereignisses bleibt für uns verborgen. Unsere Interessen, das eigene Verhalten wird für andere somit voraussehbar, macht uns nach und nach zu gläsernen Nutzerinnen und Nutzern des World Wide Web. Für Unternehmen ist das praktisch. Denn auch sie machen sich den Algorithmus zu Nutze. Mit ihm können sie zielgruppengerechte Inhalte produzieren und diese genau dort veröffentlichen, wo sie auch tatsächlich gesehen und gelesen werden – jede Blase eine eigene Botschaft.

Vielleicht sollten wir öfter ausbrechen, offener sein, unsere Nase auch einmal in andere Plattformen und Zeitungen stecken, die Filterblase zum Platzen bringen. Denn die Welt braucht eigenständige Denker, kritische Leserinnen, Menschen die dahinter schauen, nicht alles für bare Münze nehmen. Individuen, die Position beziehen, ihre eigene Meinung auf profunden Recherchen und Wissen aufbauen, Argumente bringen, die sich nicht beim ersten Gegenwind in Luft auflösen. Das alles mag einige Zeit in Anspruch nehmen, nicht von heute auf morgen möglich sein. Doch genau das ist völlig in Ordnung. Meinung bilden braucht schließlich Zeit. Nicht umsonst heißt es im Volksmund auch „lass uns erst noch eine Nacht darüber schlafen …“. Die eine oder andere Entscheidung kann am nächsten Morgen schon ganz anders aussehen, als noch am Tag zuvor.

Zuhören wie Momo
Wer sich also genügend Zeit nimmt, Dinge überdenkt und nicht blind irgendwelchen Menschen und Idealen folgt, kann sich auch in Diskussionen mit Andersdenkenden besser behaupten. Das bewahrt einen zwar nicht vor Gegenargumenten, doch man ist besser darauf vorbereitet, kann sachlich und ruhig die eigene Sicht darstellen. Dabei ist es wichtig, die Meinung mutig zu vertreten, aber auch die andere Seite ernst zu nehmen, respektvoll miteinander umzugehen. Denn wir alle machen unterschiedliche Erfahrungen und auch solche fließen in die eigene Meinung mit ein.

Höchste Zeit also, sich wieder ein bisschen mehr Zeit zu nehmen, Einstellungen, Positionen gut zu überdenken – sind es tatsächlich meine eigenen, oder habe ich sie bloß kopiert, blind geteilt und verbreitet?

Quellen
Audiatur et altera pars – gehört werde auch der andere Teil
Jenseits der Filter Bubble – warum es sinnvoll ist, Filterblasen zu durchbrechen.

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