Hunger: Landgrabbing gibt es auch bei uns!

Ein Markt im Bundesstaat Haryana in Indien. Ganz hinten – ein abgeschiedener Bereich, davor ein Mann, der ihn bewacht. Unter blauen Plastikplanen verrotten hier 2000 Tonnen Getreide aus den Ernten vergangener Jahre. Verdorbene Lebensmittel als Resultat verkalkulierter Spekulationsgeschäfte. Auf der anderen Seite des Marktes: Kinder, die ihr Essen am Boden zusammenkratzen. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Denn obwohl Indiens Wirtschaft wächst, das Land zu den größten Nahrungsmittelproduzenten der Welt gehört, leiden über 50 Millionen Kinder an Hunger. Dabei zählen Ungleichheit sowie Bürokratie zu den Hauptursachen. Betroffen sind vor allem Menschen in ländlichen Gebieten: Kleinbauern, die gegen große Agrarkonzerne keine Chance haben.

„Eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften hat
die Ernährung immer noch nicht im Griff” Aus Armut: Indiens hungernde Kinder

Die Zahl der industriell geführten Landwirtschaft nimmt zu. Deren Wirtschaft bestimmen vermehrt Spekulanten und die Agrarindustrie. Geht das so weiter, bestimmen in Zukunft nur noch wenige Anzugträger, was angebaut wird und letztendlich auf unsere Teller kommt.

Das Phänomen? Kein Neues. Und nicht nur Indien ist davon betroffen. Landgrabbing – also großflächige legale, oft auch illegale Aneignung von Agrarflächen durch private, aber auch staatliche Investoren und Agrarunternehmen – findet sich praktisch überall auf der Welt. Auch in Europa.

„Kaufen Sie Land. Es wird keines mehr gemacht.” Mark Twain

Rumänien gilt unter Anlegern als besonders profitables Pflaster. Der Boden ist günstig, die Landwirtschaft ein immer lukrativeres Geschäft. Hier kauft die ganze Welt. Gigantische Felder werden industriell bestellt, die Erträge exportiert. Die rumänische Bevölkerung geht so meist leer aus. Von der Landwirtschaft können sie unter der harten Konkurrenz kaum noch leben. Wer kann, zieht weg. Nach Italien, Frankreich oder Deutschland. Die großen Investoren hingegen sehen das anders, verstehen sich als eine Art Entwicklungshelfer, schreiben sich Arbeitsplatzbeschaffung und Fortschritt auf die Fahnen. Zwar gilt für das Land das sogenannte Vorkaufsrecht – Rumänische Käufer werden am Papier bevorzugt. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Die Bauern können mit der Konkurrenz aus dem Ausland schlicht nicht mithalten. Dem Staat selbst kann das nur recht sein, immerhin spielt ihm der Verkauf riesiger Agrarflächen kurzfristig Geld in die Kassen. Wer das Geld hat, hat das Land. So funktioniert Freie Marktwirtschaft. Zusätzlich werden die Agrarriesen von der EU subventioniert. Brüssel verteilt seine Fördergelder nach Hektar, nicht nach Nationalität. Viele der Begünstigten sind demnach ausländische oder internationale Unternehmen. Dass die EU offenbar auf Großstrukturen und agrarindustrielle Entwicklung setzt, zeigt die gemeinsame Agrarpolitik zwischen 2007 und 2014. In diesen sieben Jahren gingen 50% der Fördergelder für Rumänien an nur 1% der Bauern. Den Rest mussten sich 4,7 Millionen Bauern teilen. Die Großen verdrängen die Kleinen und Brüssels Politik würde das auch noch fördern, so die Kritik.

Landgrabbing als eine der vielen möglichen Ursachen für Hunger und den gibts auch hier, bei uns, direkt vor unserer Haustüre.

Weitere interessante Informationen zu dem Thema gibt es auch von Welthaus

Quellen:


Zahlen und Fakten aus dem Weltagrarbericht

Armut: Indiens hungernde Kinder
Das Geschäft mit Europas Boden
Foto: © Christina Hauszer