Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Weltkriege

Kriege hinterlassen überall dort Spuren, wo sie geführt werden – Spuren, die häufig auch noch viele Jahrzehnte später als Kriegsfolgen beobachtet werden können. Auch die österreichische Geschichte ist von Kriegen gezeichnet, im 20. Jahrhundert besonders vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg. Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) untersucht daher in seiner Programmlinie „Weltkriege“ die Folgen und Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Um ein genaueres Bild davon zu bekommen, woran hier genau geforscht wird, haben wir uns einige Fragen vom Programmlinienleiter, Mag. Dr. phil. Bernhard Bachinger, beantworten lassen.

Was ist das Interesse hinter der Kriegsfolgenforschung bezüglich der beiden Weltkriege?

Die Programmlinie Weltkriege ist das ureigenste Gebiet, mit dem sich das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung auseinandergesetzt hat. Die große Motivation des Instituts ist die, Arbeit für die Menschen zu leisten, indem es durch Nachforschung Lücken in der Vergangenheit füllt. Hierfür hat Institut etwa eine Servicestelle für Recherchen bezüglich ehemaliger Kriegsgefangener, die nicht nur die damals Betroffenen, sondern auch die zweite und dritte Generation miteinander vernetzt. Weiß beispielsweise ein/e Enkel/in einer betroffenen Person, dass diese einmal in russischer Kriegsgefangenschaft war, so kann das Institut die Datenbank nach passenden Einträgen durchforsten und im besten Fall über das Schicksal der/des Kriegsgefangenen aufklären (Anm.: Mehr zur Datenbank erfolgt in einem späteren Beitrag).

Welche Kriege sind im Fokus der Kriegsfolgenforschung in Österreich? Welche sind es international?

Kriege sind generell sehr bedeutend für die Forschung, da sie meist eine Wende markieren oder die Zuspitzung von Entwicklungen sind, die starke regionalpolitische oder sogar weltpolitische Veränderungen mit sich bringen – namentlich etwa Umbrüche zwischen Diktatur, Monarchie und Demokratie.

Bruce Mewett auf Pixabay

Der Schwerpunkt in Österreich liegt vor allem auf dem Zweiten Weltkrieg, der die größte Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts mit den weitreichendsten Folgen war. Dieser hat unter anderem das Selbstverständnis der Zweiten Republik, die Bildung eines österreichischen Nationalbewusstseins und die Wiederfindung demokratischer Strukturen stark beeinflusst, weswegen der Zweite Weltkrieg in Österreich besonders im Fokus steht. Wir haben eine gewisse Verantwortung zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Ära, seien es nun persönliche Schicksale, die es aufzuklären gilt, oder NS-Verbrechen, denen nachgegangen werden muss. Auch die Entwicklung einer Erinnerungs- und Gedenkkultur, die ohne historische Forschung nicht möglich wäre, ist hier von Bedeutung.

In Deutschland sieht es vom Schwerpunkt der Kriegsfolgenforschung her ähnlich aus, während der Zweite Weltkrieg im angelsächsischen Raum nicht so sehr im Fokus steht. In Großbritannien ist es etwa so, dass „The Great War“ nach wie vor für den Ersten Weltkrieg steht, der auch in Frankreich eine ganz andere Bedeutung für das nationale Verständnis hat. Für die USA hat der Zweite Weltkrieg den Beginn des Supermachtstatus bedeutet, gleichzeitig ist es allerdings so, dass vor allem das Trauma des Vietnamkriegs besonders lange in den Vereinigten Staaten nachgewirkt hat. Im südostasiatischen Raum hat der Zweite Weltkrieg zwar ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, wurde allerdings von anderen Konflikten überlagert, wie man etwa an der bis heute bestehenden Zweiteilung Koreas sehen kann. Auch in Afrika sind andere Konflikte, wie etwa die im Zuge der Dekolonisation, von höherer Relevanz als der Zweite Weltkrieg.

Welche Folgen ließen sich unmittelbar nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg feststellen? Welche kann man auch heute noch beobachten?

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Der Erste Weltkrieg hat Ideologien befeuert, die auf der einen Seite kommunistisch-sozialistisch, auf der anderen Seite faschistisch-autoritär bis nationalsozialistisch waren. Als Reaktion auf die Umsetzung einer kommunistischen Ordnung – nicht nur in Sowjetrussland, sondern etwa auch in Bayern oder Ungarn – entwickelten sich antisozialistische Strömungen bis autoritäre Regime, die sich in ganz Europa festgesetzt haben, darunter auch die radikalen Ausprägungen Nationalsozialismus und Faschismus. Als unmittelbare Folgeerscheinung des Zweiten Weltkriegs bestand bis 1989 der Eiserne Vorhang, der die Welt entzwei teilte.

Langfristige Folgen hat man bei so epochalen Ereignissen wie den beiden Weltkriegen grundsätzlich immer. Alleine die Tatsache, dass wir heute in einer kleinen Republik und nicht mehr in einem monarchistisch gestalteten Vielvölkerreich leben, ist eine Folge des Ersten Weltkriegs. Viele Konflikte, die derzeit auf der Welt stattfinden – wie etwa der Bergkarabachkonflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan – sind noch immer Folgen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Weltorganisation UNO, die nach wie vor besteht, hat man nach dem Zweiten Weltkrieg geformt, unter anderem aus den Erfahrungen mit dem eher zahnlosen Völkerbund der Zwischenkriegszeit. Beide internationale Organisationen sind in dem Sinn Folgen der Weltkriege. Die Europäische Union resultiert ebenfalls aus den Erfahrungen der beiden Weltkriege und dem Versuch, ein geeintes Europa zu schaffen. . Generell lässt sich sagen, dass der Ist-Zustand immer eine Folge historischer Entwicklungen ist, die sich zurückverfolgen lässt.

Inwiefern resultiert der Zweite Weltkrieg aus den Folgen des Ersten Weltkriegs?

Der Zweite Weltkrieg war eine bewusste Revanche, beziehungsweise eine „zweite Runde“ des Ersten Weltkriegs – Hitler erwähnte etwa immer wieder, dass er die Niederlage im Ersten Weltkrieg rückgängig machen will. Auch sämtliche Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs – beispielsweise die operative Kriegsführung, die Orte, an denen Krieg geführt wurde und die Vorstellung, wie der Krieg zu gewinnen war –, lassen sich auf Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zurückführen, da der Großteil der Generäle auch im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Im Zuge der Friedensschließung nach der Kriegszeit ist es also besonders wichtig, kluge Entscheidungen zu treffen und auch aktiv zu versuchen, die Gräben zwischen den  wieder zu schließen, da es ansonsten wie im Falle des Ersten und Zweiten Weltkriegs wahrscheinlicher ist, dass aus einem Krieg ein zweiter entstehen kann.

Welche Grazer Orte sind besonders interessant für die Forschung bezüglich der beiden Weltkriege?

Bild von Filip Filipović auf Pixabay

Der Schlossberg bietet eine Grundlage für diverse Forschungsansätze, etwa zur zivilen Zwangsarbeit. Ab etwa 1943 wurde dieser nämlich unter anderem mithilfe von Zwangsarbeitskräften aus ganz Europa mit mehreren Kilometern Luftschutzstollen durchhöhlt, die nun wie etwa in Form der Spielstätte Dom im Berg andere Verwendung finden. Diese Luftschutzstollen wurden und werden jetzt vermessen – nicht nur beim Schlossberg, sondern beispielsweise auch am Plabutsch oder in Sankt Martin. Generell startet in Graz jetzt ein Projekt zu ziviler Zwangsarbeit in Graz, wo das Institut zum ersten Mal ausgehend vom Lager Liebenau kartografieren will, wo genau Zwangsarbeiter untergekommen sind und in welchem Bereich sie eingesetzt wurden.

Besonders aktuell ist momentan außerdem die Gedenkpolitik aufgrund der medialen Diskussion von Denkmälern, zu denen auch die Straßennamen hier in Graz gehören. Hier in Graz hat eine Kommission daran gearbeitet, problematische Biografien von Namensgebern für Grazer Straßen zu identifizieren, die nicht mit den jetzigen Grundwerten übereinstimmen. Diese Biografien werden nun kontextualisiert und auch sichtbar gemacht, etwa in Form von Zusatztafeln, die bei den Straßennamen angebracht werden.

Wo kann man sich als Interessierte/r in Graz umsehen, was die Folgen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs angeht?

Zum Lager Liebenau gibt es einen digitalen Rundgang, der auch einige Forschungsschwerpunkte des Instituts wie etwa zivile Zwangsarbeit, Kriegsverbrechen und die Besatzungszeit benennt. Auch das Schlossbergmuseum, wo man unter anderem eine Visualisierung der Stollen besichtigen kann, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Ist man schon beim Schlossberg, so kann man natürlich auch den Kriegssteig erklimmen, der von einem Pionierbataillon (nicht, wie angenommen, von russischen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg) in Vorbereitung auf ihren Einsatz an der Isonzofront erbaut wurde. Zu Allerheiligen findet schließlich noch am Zentralfriedhof üblicherweise eine Gedenkfeier beim Mahnmal statt, der man beiwohnen kann. Natürlich kann man auch bei einem einfachen Spaziergang durch Graz auf einige Denkmäler und Stolpersteine stoßen, wenn man die Augen offen hält.

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Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Kinder des Krieges

 

 

 

Quellen:

Beitragsbild: Bruce Mewett auf Pixabay 

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