Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Migration

Migration – ein Begriff, von dem jeder glaubt, zu wissen, was er bedeutet, schlussendlich allerdings nur einen Bruchteil seiner Bedeutung kennt. Wie sonst kommt es, dass Migration viel zu häufig nur mit Krieg und Flucht in Verbindung gesetzt wird? Dabei steht Migration für eine ganze Reihe an Prozessen, die von den unterschiedlichsten Faktoren abhängen. Welche Faktoren dies sein können und viele weitere Fragen zur Thematik der Migration hat uns für diesen Beitrag PD Mag. Dr. phil. Andrea Strutz, Leiterin der Programmlinie Migration des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung (BIK), beantwortet.

Weshalb ist es so wichtig, bezüglich Migration zu forschen? Hat die Forschung auch einen Bezug zur Gegenwart?

Es ist wichtig sich mit dem Thema „Migration“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln auseinanderzusetzen, weil wir auf diese Weise mehr über die Entwicklung und den Wandel von Gesellschaften erfahren. Diese Erkenntnisse helfen uns dabei, die Strukturen und Bedingungen unseres heutigen Zusammenlebens besser zu verstehen. Migration und räumliche Mobilität sind kein bestimmendes Merkmal der Gegenwart, sondern Menschen sind schon immer gewandert, sei es innerhalb bestimmter kleinerer Gebiete oder auch über große Distanzen hinweg auf andere Kontinente. Migration ist ein wesentlicher Teil der Menschheitsgeschichte und ein globales historisches Phänomen.

Die Migrationsforschung ist ein interdisziplinäres Arbeitsfeld zu dem verschiedene Disziplinen wie beispielsweise die Soziologie, die Demographie, die Ethnologie, die Geographie, die Politikwissenschaft, die Wirtschaftswissenschaft und die Geschichtsforschung beitragen, indem sie historische und aktuelle Migrationsprozesse und damit verbundene Folgen für Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften sowie auch für Individuen untersuchen.

Welche Motive können Migration zugrunde liegen?

Menschen migrieren aus unterschiedlichsten Gründen. Prinzipiell unterscheidet man zwischen Wanderungen, die freiwillig erfolgen und jenen, wo Menschen durch bestimmte Umstände dazu gezwungen sind. Eine Form von freiwilliger Migrationen sind zum Beispiel Arbeitskräfte aus anderen EU-Ländern oder Drittstaaten, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikationen nach Österreich kommen; in diesem Fall spricht man von Arbeitsmigration. Auch der Wunsch nach Bildung kann zu einer freiwilligen Migration führen, wenn zum Beispiel junge Menschen aus Österreich für ihre berufliche Ausbildung oder das Studium in ein anderes Land gehen.

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Im Fall von erzwungenen Migrationen liegen äußere Umstände vor, die dazu führen, dass Menschen aus einer Region oder gar aus ihrer Heimat flüchten müssen. Gründe dafür können z.B. politische, religiöse oder rassistische Verfolgung in diktatorischen Systemen sein. Auch Konflikte und Kriege, Armut, Hunger oder Naturkatastrophen bzw. auch Umweltveränderungen durch den Klimawandel wie z. B. Dürren oder Flutkatastrophen führen zunehmend dazu, dass es zu Fluchtbewegungen kommt. Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR berichtet aktuell, dass Ende 2019 weltweit 79,5 Millionen Menschen wegen Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen und Konflikten auf der Flucht waren. Das ist ein Prozent der Weltbevölkerung und 40% der Geflüchteten sind Kinder.

Was sind die genauen Themen der Migrationsforschung am Institut?

Am Institut beschäftigen wir uns aktuell mit erzwungenen Migrationen und damit verbundenen Folgen auf gesellschaftlicher und individueller Ebene. In einem der Projekte werden derzeit mobile Dinge erforscht, nämlich mitgebrachte, zurückgelassene und neu erworbene Dinge des Hausrats. Anhand zweier zeitlich auseinanderliegenden Fluchtbewegungen (1945 und 2015) wird untersucht, welche Bedeutung diese Objekte im Laufe des Migrationsprozesses und im neuen Alltag nach der Ankunft für Geflüchtete hatten und haben. Ziel es ist, den historischen Hintergrund von Objekten und ihren Zusammenhang mit dem Migrationsprozess besser zu verstehen, um sie beispielsweise für Ausstellungen in Museen nützen zu können.

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Ein anderer Themenbereich beschäftigt sich mit Flucht und Vertreibung aus Österreich unter nationalsozialistischer Herrschaft nach Kanada. Dieses Thema wurde bislang noch nicht ausreichend erforscht. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde die jüdische Bevölkerung aufgrund der rassistischen und antisemitischen Ideologie der Nationalsozialisten verfolgt, entrechtet, beraubt und ermordet. Etwa 130.000 Jüdinnen und Juden gelang die Flucht aus Österreich vor Beginn des Zweiten Weltkriegs; auch viele politische Gegnerinnen und Gegner mussten vor der Verfolgung durch das NS-Regimes fliehen. Während Großbritannien und die USA eine große Zahl an NS-Flüchtlingen aufnahmen, verhielt sich Kanada jedoch zögerlich, vor allem hinsichtlich der Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen.

Im aktuellen Forschungsprojekt wird das Schicksal einer speziellen Gruppe von Geflüchteten untersucht, die während des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1940 nach Kanada gelangte. Sie kamen aber nicht als Flüchtlinge dorthin, sondern als „feindliche Ausländer“. Es werden Namen, biografische Grunddaten und weitere soziologische Daten von rund 2.000 Männern erfasst und digital ausgewertet, die nach ihrer Flucht aus Deutschland bzw. dem ehemaligen Österreich in Großbritannien Zuflucht und Asyl gefunden hatten, jedoch im Juli 1940 als feindliche Ausländer gemeinsam mit Kriegsgefangenen nach Kanada deportiert und dort interniert wurden. Ein Großteil der Geflüchteten war jüdischer Herkunft. Diese in kanadischen, britischen und österreichischen Archiven erhobenen Daten schaffen eine Grundlage, um die aus Österreich geflüchteten Männer, schätzungsweise 600 bis 700, innerhalb der Gruppe zu identifizieren. Die gewonnen Erkenntnisse bilden die Basis für weitere biografische und kollektiv-biografische Untersuchungen, etwa zur Ermittlung der geografischen und sozialen Herkunft der so genannten „internierten Flüchtlinge“. Erforschung werden ihre weiteren Lebenswege und welche Chancen sie in Kanada hatten, sich zu integrieren. In diesem Zusammenhang spielt die Erforschung der Frage des Wissenstransfers durch Flüchtlinge von Europa nach Kanada eine wesentliche Rolle sowie auch die Frage, wie sich die traumatische Erfahrung einer transnationalen Flucht auf die Identitätskonstruktion und Zugehörigkeit dieser Geflüchteten ausgewirkt haben.

Welche Strukturen und Folgen kann Migration haben?

Migrationsprozesse können sowohl in Herkunftsländern als auch in Aufnahmegesellschaften Folgen und Veränderungen z.B. auf sozialer, wirtschaftlicher, kultureller, politischer und bevölkerungspolitischer Ebene bewirken, und zwar in positiver als auch negativer Hinsicht.

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Viele Staaten legen in Einwanderungsgesetzen die Strukturen und Bedingungen für Migration fest. Ein Beispiel dafür ist Kanada, das mit Hilfe von Einwanderung die wirtschaftliche und demografische Entwicklung des Landes steuert. Pro Jahr werden etwa 300.000 Menschen aufgenommen, ein Großteil davon wird nach einem Punktesystem ausgewählt. Wichtige Faktoren für eine Immigration sind die berufliche Qualifikation und Berufserfahrung, Sprachkenntnisse, das Alter und die Bedürfnisse des kanadischen Arbeitsmarktes. Neben dieser wirtschaftlichen Migration gibt es in Kanada auch noch die Kategorie Einwanderung aus familiären Gründen bzw. eine Kategorie für die Aufnahme von Flüchtlingen und Schutzbedürftigen. Für die Integration von Zugewanderten hat die kanadische Regierung Niederlassungsprogramme entwickelt, um u.a. die Orientierung in der kanadischen Gesellschaft, Sprachkenntnisse und Zugang zum Arbeitsmarkt fördern.

Wandern aus einem Land sehr viele gut qualifizierte und gebildete Menschen ab, so kann das wirtschaftlichen Chancen des Landes schwächen und soziale Probleme erzeugen. Gegenwärtig haben zum Beispiel Ungarn, Bulgarien oder auch Rumänien das Problem, dass viele Einwohnerinnen und Einwohner v.a. in andere EU-Länder auswandern und nur wenige zurückkehren. Von diesem so genannten „brain drain“ − dem Verlust von hochqualifizierten Arbeitskräften ins Ausland − profitieren aber Aufnahmeländer wie zum Beispiel auch Österreich, das aufgrund eines Facharbeitermangels derzeit nach solchen Arbeitskräften sucht. Auch im Pflegebereich und in der Landwirtschaft ist Österreich schon seit vielen Jahren darauf angewiesen, dass Menschen zumindest temporär nach Österreich migrieren, um diese für die Gesellschaft und Wirtschaft wichtigen Arbeiten leisten zu können.

Auf individueller Ebene haben Migration und Flucht ebenfalls vielfältige Folgen, die auch stark von den jeweils herrschenden staatlichen Rahmenbedingungen und Chancen bestimmt werden. Während im Bereich der Arbeitsmigration es für viele, wenn auch nicht für alle, Menschen möglich war und ist, ihre Lebensbedingungen und ökonomische Situation zu verbessern, bedeutet eine Flucht vor Krieg und Gewalt das Gegenteil. Geflüchtete können in der Regel nicht selbstbestimmt agieren und bestimmen, was ihre nächsten Schritte sind, sondern sie sind zumeist auf Hilfe z.B. durch Flüchtlingsorganisationen angewiesen. Neben Armut, Entwurzelung und traumatischen Erfahrungen sind für Asylsuchende, und ganz besonders für Kinder und Jugendliche, die Unsicherheit über ihre Zukunft und fehlende Lebensperspektiven besonders belastend. Die psychischen und emotionalen Belastungen durch die Erfahrung einer Zwangsmigration beeinträchtigt Geflüchtete oft ein Leben lang.

In welche Migrationsprozesse war Österreich in der Vergangenheit involviert?

In der österreichischen Geschichte lassen sich zahlreiche Auswanderungs- und Einwanderungsprozesse, beobachten, einige davon sind eng mit Krieg, Gewalt und politischem Terror verbunden.

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Im Zuge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und durch die Verbesserung der Transportmittel (v.a. Eisenbahn und Schifffahrt) wurde die Auswanderung aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zu einem Massenphänomen. Rund 10% der damaligen Bevölkerung migrierte innerhalb von Europa (ca. 1,5 Millionen) oder wanderte nach Übersee aus (ca. 3,5 Millionen), wobei das bevorzugte Zielland die USA waren (83%).

Während des Ersten Weltkriegs flohen infolge der Kriegsereignisse im Osten rund 200.000 Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina v.a. nach Wien; man schätzt, dass 20.000 bis 30.000 hier verblieben sind.

Österreich war nach dem Ersten Weltkrieg ein Kleinstaat geworden, die Wirtschaftslage war krisenhaft und die Arbeitslosigkeit hoch. Auswanderung erschien in dieser Situation auch politisch ein Mittel zur Eindämmung der Krise. Bis 1937 wanderten laut offiziellen Statistiken über 80.000 Österreicherinnen und Österreicher nach Übersee aus, vor allem in die USA, nach Brasilien und Argentinien. Viele Tausende migrierten auf der Suche nach Arbeit vorübergehend oder dauerhaft auch in andere europäische Länder (z.B. Deutschland, Frankreich, Belgien, Rumänien). Man schätzt, dass von 1934 bis 1938 etwa 3.000 Personen aus politischen Gründen aus Österreich emigrierten.

Unter dem NS-Terrorregime wurde die jüdische Bevölkerung aus dem ehemaligen Österreich systematisch vertrieben. Etwa 130.000 konnten zwischen März 1938 und November 1941, als die Auswanderung aus Deutschland von den Nationalsozialisten verboten wurde, fliehen. Rund 31.000 von ihnen fanden Asyl in Großbritannien, etwa 30.000 in den USA, 18.000 in Shanghai/China, rund 15.000 in Palästina und etwa 12.000 in lateinamerikanischen Ländern. Aufgrund der erlittenen Verfolgung und des Holocaust kehrten aber nur wenige der jüdischen Vertriebenen nach Österreich zurück (ca. 8.000 bis 1958).

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich in Österreich ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, ehemalige KZ-Insassen und Kriegsgefangene (ca. 1,4 Millionen) bzw. kamen rund eine Million Displaced Persons (DPs), Flüchtlinge und Vertriebene aus Ost- und Südosteuropa in den ersten Nachkriegsjahren ins Land. Nicht zuletzt aufgrund seiner geografischen Lage fungierte Österreich in Zusammenarbeit mit den Alliierten Mächten in der Nachkriegszeit als Transitland für Menschen, die u.a. durch internationale Resettlement-Programme der International Refugee Organisation (IRO) weiter in die USA, nach Israel oder in andere Überseeländer migrierten.

In der Nachkriegszeit wanderten aber auch viele Tausende, zumeist jüngere, österreichische Frauen und Männer vorübergehend oder dauerhaft in andere europäische Länder bzw. nach Übersee aus. Hauptmotive waren der Wunsch nach wirtschaftlicher und politischer Sicherheit, die man in Österreich damals aufgrund des langsamen Wirtschaftswachstums, der hohen Arbeitslosigkeit und der politischen Unselbständigkeit bis 1955 nicht sah.

Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs in Westeuropa entwickelte sich Österreich ab den 1960er Jahren eindeutig zu einem Einwanderungsland. Es wanderten nun mehr Menschen in Österreich ein als aus. Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter wurden ins Land geholt (z.B. aus Ex-Jugoslawien, Türkei) bzw. wurden Geflüchtete aufgenommen, z.B. aus Ungarn 1956, der ehemaligen Tschechoslowakei 1968, aus Ex-Jugoslawien während der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren oder aus Syrien 2015.

Die skizzierte historische Betrachtung der Geschichte der Migration in Österreich seit Ende des 19. Jahrhunderts zeigt den Wandel von einem Auswanderungsland zu einem Aufnahmeland auf, das sich aufgrund dieser Entwicklung auf politischer, sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene mit Prozessen der Integration von Migrantinnen und Migranten als auch mit Geflüchteten und Schutzbedürftigen auseinandersetzen muss, um gute Bedingungen für ein Miteinander zu schaffen.

Werden die Erkenntnisse der Forschung gehört und einbezogen?

Immer wieder beraten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, so auch im Bereich von Migration und Integration. Was davon aufgenommen und umgesetzt wird, ist eine politische Frage. Ich würde mir wünschen, dass Forschungen dabei mithelfen können, im Umgang mit Migration und Integration ein offenes und tolerantes Klima zu schaffen, um besonders Geflüchteten, eine Chance zu bieten, ihr Leben in einem sicheren Umfeld wiederaufzubauen.

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Die Erforschung von Lebensgeschichten von österreichischen Vertriebenen, die in Kanada Zuflucht gefunden haben, zeigt, dass die Möglichkeiten und Chancen auf Bildung, Arbeit und Integration, die sie damals erhielten, essentiell sind. Dies half ihnen nicht nur individuell in einem anderen Land neu anzufangen, sondern auch der kanadische Staat profitierte von den Leistungen und dem Wissen dieser Menschen (z.B. im Bereich der Wirtschaft, der Technik, der Kultur, in der akademischen Welt) sehr stark, weshalb sich eine solche soziale Investition für das gesellschaftlichen Zusammenleben und die Weiterentwicklung langfristig sehr bezahlt macht.

 

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Quellen:
Beitragsbild:©Gordon Johnson auf Pixabay

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