Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Kinder des Krieges

Kinder und Krieg – eine furchtbare Kombination, der häufig vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn man die Auswirkungen von Kriegen betrachtet. Dabei tragen Kinder, die mit Kriegen konfrontiert wurden, häufig erhebliche Folgen davon, die sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen können. Aus diesem Grund widmet das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) den Kindern des Krieges eine seiner Programmlinien, deren Leiter Mag. Dr. phil. MA Lukas Schretter uns für diesen Beitrag einige Fragen beantwortet hat.

Was genau sind Kinder des Krieges?

In den Geistes- und Sozialwissenschaften etablierten sich in den letzten Jahren Fachtermini, um zielgerichtet Forschungen zu Kindheit und Krieg durchführen zu können. Um einige zu nennen, die für den österreichischen Kontext von besonderer Relevanz sind:

Die Bezeichnung „Kinder des Krieges“ – im Englischen: „Children Born of War“ – meint im Forschungskontext jene Kinder, die in Folge sexueller Kontakte zwischen einheimischen Frauen und fremden Soldaten in Konflikt- und Postkonfliktsituationen zur Welt kommen. Dazu zählen beispielsweise „Besatzungskinder“, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich und Deutschland geboren wurden.

Die Bezeichnung „Kriegskinder“ umfasst hingegen in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sämtliche Personen, die zwischen 1929 und 1945 in zur Welt kamen. Ein Charakteristikum vieler dieser Personen ist, dass ihre Kindheit nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch die nationalsozialistische Erziehung geprägt wurde. Jüdische Kinder derselben Alterskohorte, die nicht deportiert und ermordet wurden, werden gemeinhin nicht als „Kriegskinder“ bezeichnet, sondern zählen zu den Shoah-Überlebenden. Die Bezeichnung „Nachkriegskinder“ in der Forschung beinhaltet üblicherweise die Jahrgänge zwischen 1946 und 1960.

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Am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung widmen wir uns den vielfältigen Lebens- und Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Ausgangspunkt hierbei sind die Expertise zu „Besatzungskindern“ sowie die laufenden Forschungen zum Thema „Lebensborn“.

Weshalb ist es so wichtig, bezüglich der Kinder des Krieges zu forschen?

Kinder stehen üblicherweise nicht im Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, wenn es um Kriegsopfer und die Auswirkungen von Kriegen geht. Sie bleiben meist außerhalb des auf politische und materielle Kriegsfolgen gerichteten Fokus. Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung widmet sich deshalb in besonderer Weise der geschichtswissenschaftlichen und transdisziplinären Untersuchung von Kriegs- und Nachkriegskindheiten: Wir zeigen Faktoren auf, welche die Lebens- und Sozialisationsbedingungen, aber auch gesellschaftliche Normen und Vorstellungen einer „normalen“ Kindheit beeinflussen. Zentral hierbei ist für uns die Mitarbeit in Netzwerken und Bündnissen, um Betroffene zu schützen, zu stärken und zu fördern.

Welche Folgen von Kriegen lassen sich bei Kindern besonders häufig beobachten? Welche davon setzen sich bis ins Erwachsenenalter noch fort?

Die entgrenzten kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts machten die Zivilbevölkerung und insbesondere Kinder zu Hauptleidtragenden. Sie sind langfristig mit den sozialen, familiären und ökonomischen Folgen von Kriegen konfrontiert. Als Zeug*innen und Opfer von Gewalt sind sie in wichtigen Lebensbereichen – wie der körperlichen und mentalen Gesundheit – durch Kriege geprägt. Vor allem Kinder auf der Flucht sind extremen Belastungen ausgesetzt. Zu den indirekten Folgen von Kriegen gehören auch mangelnde Versorgung, fehlende Ausbildungschancen und Beeinträchtigungen in den sozialen und familiären Beziehungen. Gleichzeitig gilt es natürlich zu betonen, dass nicht alle Betroffenen in gleichem Maße an den Kriegsfolgen leiden, manche sogar auf Grund ihrer Erfahrungen eine besondere Widerstandsfähigkeit entwickeln. In der Forschung wird hierfür der aus der Entwicklungspsychologie kommende Begriff der „Resilienz“ verwendet. Damit ist die Fähigkeit gemeint, trotz widriger Umstände eine positive Entwicklung nehmen zu können und später gerade auf Grund der prekären Bedingungen in Kindheit und Jugend erfolgreich mit belastenden Lebensumständen umgehen zu können.

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Besondere Lebenserfahrungen machen jene Kinder, die als Folge von Kriegen geboren wurden: Dazu zählen „Besatzungskinder“ der alliierten Truppen in Österreich, die im ersten Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkrieges zur Welt kamen. Auch „Wehrmachtskinder“ deutscher und österreichischer Soldaten mit einheimischen Frauen in den vom „Dritten Reich“ besetzten Gebieten zählen zu diesen „Kindern des Krieges“. Die Folgen von Kriegen bleiben für diese Personen oft Jahrzehnte spürbar, wachsen mit zunehmendem Alter wieder an und werden mitunter „stumm“ an die nachfolgenden Generationen weitergegeben.

Was ist der Unterschied zwischen den Kriegsfolgen, die man bei Erwachsenen feststellen kann und denen, die Kinder davontragen?

Erwachsene und Kinder, die selbst Kriege miterleben, sind gleichermaßen verschiedenen Stressoren ausgesetzt. Ab wann es sich bei den Betroffenen noch um Kinder oder bereits um Erwachsene handelt, wird je nach Zeitgeist und Kultur unterschiedlich angesetzt. Generell gilt, dass die Spätfolgen von wiederholten und chronischen Belastungen in Kriegs- und Nachkriegszeiten besonders schwerwiegend sind, wenn diese in den ersten Lebensjahren erlebt werden. Die Folgen sind im physischen Bereich, in der psychischen Gesundheit und in der Entwicklung des Sozialverhaltens sichtbar. Wie viele Studien mittlerweile zeigen, wir das volle Ausmaß der Spätfolgen manchmal erst im fortgeschrittenen Lebensalter sichtbar.

Was genau war das Lebensborn-Heim? Welche Folgen trugen die Lebensborn-Kinder davon?

Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung widmet sich derzeit mit den Forschungen zum SS-Verein „Lebensborn“ einem besonderen Bereich innerhalb des Themenkomplexes „Kindheit und Krieg“: Die nationalsozialistische Rassenpolitik beschränkte sich nicht nur auf die Vernichtung “unwerten” Lebens, sondern umfasste auch die Förderung “erbgesunden” Nachwuchses. Eine zentrale Rolle spielte der 1935 gegründete Lebensborn e.V.. Mit dem Ziel, auf Grundlage der NS-Rassenhygiene und Gesundheitsideologie die Geburtenziffer “arischer” Kinder zu erhöhen, unterhielt der Verein Entbindungsheime im “Deutschen Reich” und den besetzten Gebieten. Der Lebensborn war außerdem für die Verschleppung von Kindern aus den besetzten Gebieten verantwortlich.

Bundesarchiv, Bild 146-1981-075-01 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Die Forschungen des Instituts widmen sich der Geschichte des Lebensborn-Heimes „Wienerwald“ in Niederösterreich. In unsere Forschungen werden auch Erkenntnisse zu nationalsozialistischer Rassenhygiene, zu anderen „Lebensborn“-Heimen und zur Eugenik im 20. Jahrhundert eingebunden. Von besonderem Interesse sind aber auch die Familien- und Lebensgeschichten von Personen, die selbst im Lebensborn-Heim zur Welt kamen. Zu ihren Herausforderungen gehörten mitunter – bei Weitem nicht immer – familiäre Stigmatisierung im Kindesalter. Manche empfinden auf Grund ihrer Geburt im Lebensborn-Heim die Verpflichtung, sich in besonderer Weise mit der Frage auseinander zu setzen, wie sich die Vorfahren zum NS-Regime verhielten.

Wie können ehemalige Kinder des Krieges später im Leben Nachforschungen über ihre Kindheit anstellen?

Betroffene haben unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche, auch was die Fragen bezüglich ihrer eigenen Kindheit betrifft. Mittlerweile existiert eine große Zahl von Bündnissen und Netzwerken, die eine wichtige Hilfestellung darstellen. Nur als Beispiel erwähnt seien die Netzwerke von „Besatzungskindern“ und „Lebensborn“-Kindern, die als eine Form von „Empowerment“ gesehen werden können. Auch das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung entwickelte sich zu einer Anlaufstelle, um Informationen über weitere Suchoptionen zu erhalten.

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Quellen:
Beitragsbild: ©Moravice, Public domain, via Wikimedia Commons

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