Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Kalter Krieg

Dass Kriege weitere Kriege zur Folge haben können, haben wir bereits in einem früheren Beitrag festgestellt. Im Falle des Zweiten Weltkriegs tat sich unter anderem eine besondere Form des Krieges auf: Der Kalte Krieg. Über mehrere Jahrzehnte hinweg versuchten die Westmächte und der Ostblock, den Einfluss des jeweils anderen mit sämtlichen Mitteln zu schwächen, ohne, dass es je zu einer tatsächlichen militärischen Auseinandersetzung kam. So ein Konflikt zieht natürlich ebenfalls weitere Folgen mit sich, auch für ein neutrales Land wie Österreich – Folgen, mit denen sich das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) auseinandersetzt. Für diesen Beitrag hat uns der Leiter der Programmlinie Kalter Krieg, Doz. Mag. Dr. phil. Peter Ruggentaler, einige Fragen zu diesem Thema beantwortet.

Wieso ist es so wichtig, bezüglich des Kalten Krieges zu forschen? Welche Folgen des Kalten Krieges ließen sich international feststellen? Kann man auch heute noch Folgen beobachten?

Als der Kalte Krieg vor 30 Jahren zu Ende ging, herrschte eine Aufbruchstimmung – nicht nur in Europa. Man hatte die Wahrnehmung, dass eine der gefährlichsten Epochen der Menschheitsgeschichte vorbei war. Die stetige Gefahr, ein mit Atomwaffen geführter Weltkrieg könnte ausbrechen, schien gebannt. Die Welt wurde in der Tat kurzfristig friedvoller – viele von den USA und der UdSSR geführten Stellvertreterkriegen, v.a. in Ländern der sogenannten Dritten Welt wurden eingestellt. Doch schon bald stellte sich Ernüchterung ein. Heute leben wir vielleicht in einer noch viel gefährlicheren Welt, in der es keine allgemein akzeptierten Sicherheitsmechanismen zu geben scheint.

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Was genau bedeutete der Kalte Krieg für Österreich?

Zunächst einmal verzögerte der einsetzende Kalte Krieg Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre den Abschluss des österreichischen Staatsvertrags und damit den Abzug der Truppen der Alliierten (Amerikaner, Briten, Franzosen und Sowjets), die Österreich vom Nationalsozialismus befreit haben. Der „Preis“ für den Abzug der Truppen war mehr oder weniger Österreichs Zusicherung an Moskau, nach Unterzeichnung des Staatsvertrags sich für „immerwährend neutral“ zu erklären. Dies geschah am 26. Oktober 1955. Österreich verfolgte einen ehrlichen Kurs zwischen Ost und West, war militärisch neutral nicht aber ideologisch. Österreich blieb westorientiert mit Marktwirtschaft statt Planwirtschaft, Demokratie statt Kommunismus. Jahrzehntelang lag Österreich aber auch am „Rande der Welt“. So wurde es empfunden. Der Eiserne Vorhang trennte Österreich von vielen seiner Nachbarstaaten ab, mit denen man jahrhundertelang in einer Monarchie zusammengelebt hatte. Dieser gewachsene Wirtschaftsraum wurde großteils für Jahrzehnte zerstört. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Befreiung vom Kommunismus eröffneten sich nicht nur für Österreichs Wirtschaft neue Möglichkeiten.

Welche Orte in Österreich sind für die Forschung bezüglich des Kalten Krieges interessant?

Für die Forschung sind natürlich Archive die interessantesten Orte, aber für die breitere Öffentlichkeit gibt es kaum Orte, an denen man sich mit dem Kalten Krieg auseinandersetzen kann. Es gibt weder ein Cold War Museum noch ein Geheimdienstmuseum. Obwohl sich das für Wien als Drehscheibe der Spionage im Kalten Krieg mehr als anbieten würde. Spuren nach dem Eisernen Vorhang muss man fast schon akribisch suchen.

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Wie stellen Sie die gegenwärtigen anti-demokratischen Tendenzen in ehemaligen Ostblockstaaten z.B. in Polen oder Ungarn in einen Zusammenhang zu den Kriegsfolgen?

Es ist äußerst traurig zu beobachten, dass ausgerechnet DIE zwei Vorkämpfer für Demokratie und Freiheit der 1980er Jahre so einen Weg eingeschlagen haben. Polen und Ungarn hatten enorm unter dem Kommunismus zu leiden und ihr Freiheitsdrang war entscheidend für den Zusammenbruch des Kommunismus und in weiterer Folge des Ostblocks. Besonders darin sieht man, dass demokratische Errungenschaften keine Selbstverständlichkeit sind. Es wäre allerdings zu einfach, nur gewisse polnische oder ungarische Politiker dafür verantwortlich zu machen. Ungarn und Polen fühlen sich – zurecht – oft herablassend und als EU-Bürger 2. Klasse behandelt.

Wie beurteilen Sie das Machtdreieck China-USA-Russland aus Blick eines Kalten Krieges?

Ein Machtdreieck Peking-Washington-Moskau hat es nie gegeben. Bis heute sind zumindest alle drei Supermächte ihrer Verantwortung verpflichtet geblieben, die Welt nicht in einen Atomkrieg zu führen. Doch gerade in der heutigen Zeit sieht sich die Welt immer öfter einer Politik des Zündelns ausgesetzt. Entspannung sieht anders aus. Über ein kürzlich von uns veröffentlichtes Buch über die Entspannungszeit im Kalten Krieg schrieb unlängst „Die Presse“: „Ein rundum gelungener Sammelband […], den vielleicht auch Leute in Washington und Peking studieren sollten, wenn sie künftig einmal ihre Spannungen wieder abbauen wollen.“

 

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Kriegsfolgenforschung: Was ist das überhaupt?

Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Kinder des Krieges

Kriegsfolgenforschung: Programmlinie Weltkriege

 

 

Quellen:

bik.ac.at/forschung/programmlinie-kalter-krieg-neu/

Beitragsbild: ©San Jose, gefunden auf Wikimedia Commons, Lizenz: GNU Free Documentation License

Ein Kommentar

  • Stefan Karner

    Kompetenz, frisch, wohltuend. Geschichtsforschung, wie sie sein soll. An den Quellen, großflächig und international.

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