Hunger: Der gerettete Müll

Gruselige Fratzen.
Hunger hat viele Gesichter. Versteckte, oftmals nicht eindeutig erkennbare, hässliche, von Gier zerfressene, furchteinflößende, traurige … Eine besonders verzerrte, oft verkannte Fratze trägt ein Hunger, den es – wie viele andere auch – so überhaupt nicht geben dürfte. Seine Existenz hat er auf Wohlstand, Habgier aufgebaut, seine Daseinsberechtigung im wahrsten Sinne erkauft. Hunger, der dann entsteht, wenn andere zu viel haben. Hunger, der seinen Anfang in der Tonne findet.

Mit dem Essen, das wir in Europa und Nordamerika wegwerfen,
könnten alle hungernden der Welt dreimal satt werden.

Mehr als ein Drittel der Lebensmittel weltweit gehen verloren, landen irgendwo, auf ihrem Weg zwischen Acker und Teller auf dem Müll. In der EU sind es durchschnittlich 88 Millionen Tonnen im Jahr – das macht 173 kg Lebensmittelabfälle, pro Kopf und Nase. In LKWs gerechnet würden diese gemeinsam beinahe eine Kolonne um den Äquator bilden. Die Ursachen – unterschiedlich. Während die Verluste in weniger entwickelten Ländern vorwiegend in der Landwirtschaft oder in der Produktion liegen, kommen viele Lebensmittel bei uns erst gar nicht auf den Markt, werden davor aussortiert. Da bleiben bis zu 50% der Kartoffeln auf Grund ihrer falschen Größe auf dem Feld zurück, Bananenstrünke werden ob ihrer ungenügenden Anzahl an Früchten retourniert, mehrere Tonnen frischgelieferte Orangen in den Müll gekippt. Die Form, die Farbe, die Anzahl passt nicht ins Konzept, stimmt nicht mit unseren Vorstellungen überein – die Lebensmittel würden den hohen Qualitätsansprüchen des Handels nicht genügen, auf unserem Markt keinen Absatz finden. Der Landwirtschaft bleibt somit nichts anderes übrig, als die “minderwertige” Ware zu entsorgen.

Je mehr wie haben, desto mehr verschwenden wir.
Es ist unser Wohlstand, die andauernde Verfügbarkeit die uns glauben lässt, wir könnten unbegrenzt aus dem Vollen schöpfen und der Natur zweckentfremdende Normen überstülpen, die sie alleine niemals erfüllen kann. Im Supermarkt liegen sie dann. Die perfekt gereiften Äpfel, die geraden Gurken, die makellosen Kartoffeln. In Plastikfolie abgepackt, als Billigware, völlig entfremdet, ihres eigentlichen Ursprungs entzogen. Die Lebensmittel haben uns gegenüber an Wert verloren. Wir wollen sie so haben. Am liebsten 24/7, oder zumindest bis Ladenschluss. Die Regale voll, die Auswahl da, nichts darf fehlen. Für Händler ist so eine Einkaufsplanung nur schwer möglich. Der Lebenszyklus der Ware wird kürzer, neue Lieferungen ersetzen vorzeitig die meist noch guten alten.

Wäre die Lebensmittelverschwendung ein Staat, stünde sie
als drittgrößter CO2 Emittent hinter den USA und China.

Wer Lebensmittel entsorgt, wirft nicht nur sie in die Tonne. Mit ihr landen die aufgewandten Produktions- und Arbeitszeiten, Energie und natürliche Ressourcen wie Wasser auf dem Müll. Zudem produzieren entsorgte Lebensmittel im Zuge ihrer Zersetzung rund 15% der globalen Methan-Emissionen – ein Klimagas, das ähnlich wie CO2, die Ozonschicht zerstört. Mit der Lebensmittelverschwendung gehen also nicht nur wichtige Ressourcen verloren, auch das Klima leidet darunter.

Würde man den Lebensmittelmüll auch nur halbieren, könnte man damit ebenso viele Klimagase einsparen, wie durch die Stilllegung jedes zweiten Autos. Es ist an der Zeit, dass wir dem Problem in die Augen sehen. Und es gibt sie. Die Ideen und Ansätze, Möglichkeiten, das Runder noch einmal zu drehen. So ging Frankreich bereits vor drei Jahren mit Hilfe eines Gesetzes gegen die Lebensmittelverschwendung vor. Der Großhandel sollte unverkaufte Nahrungsmittel ab sofort recyceln oder aber spenden.

In Österreich wäre die Hälfte aller Lebensmittelverluste vermeidbar.

Auch in Österreich gibt es immer mehr Menschen, denen die derzeitige Situation so gar nicht schmeckt. Neben den Dumsterern, die ihr Essen bewusst aus Mülltonnen klauben, der sogenannten “Tafel”, die Lebensmittel von Supermarktketten an Bedürftige umverteilt, wurde vor bald fünf Jahren die Initiative Foodsharing ins Leben gerufen. Nahrungsmittel vor der Tonne bewahren und umverteilen – eine Idee, die Früchte getragen hat und immer mehr Nachahmer findet. Alleine in Graz sind bereits über 400 Personen als sogenannte Foodsaver unterwegs. 60 Betriebe haben sich zu einer Kooperation mit der Initiative bereit erklärt. In Graz konnten so seit Beginn 176 Tonnen an Lebensmitteln gerettet werden. Wer also auch zum Foodsaver werden möchte, kann sich hier informieren – Nachahmer sind willkommen.

 

Quellen:

Fakten zur Lebensmittelverschwendung auf muttererde.at
Frankreichs Gesetz auf Zeit Online
Taste The Waste – Eine Dokumentation über Lebensmittelverschwendung

Foto: © Christina Hauszer