Hunger in einer Welt voller Überfluss

“Ein Kind, das heute verhungert, stirbt nicht – es wird ermordet” Jean Ziegler


Bei uns. An den Hauswänden der schicken Vorstadtvillen winden sich meterlange Lichtergirlanden empor, in den Gärten stehen glitzernde Rudolfe, die ihren Coca-Cola Weihnachtsmännern beim Klettern zusehen. In den Städten hat man den Kitschkontest ausgerufen: Echte und unechte Weihnachtsbäume, bunte Karusselle und nicht so große Riesenräder finden sich neben, mit künstlichen Tannenzweigen, verzierten Punschständen und Waffelbuden. Da stehen hunderte Menschen mit ihren überdimensionierten Einkaufstaschen dicht gedrängt nebeneinander, nippen an verklebten Gläsern während sie sich überteuerte Köstlichkeiten in ihre ohnehin schon vollen Mägen stopfen. Das ist er, der Vorweihnachtspomp der Überflussgesellschaft. Die gestresste Besinnlichkeit. Die hektische Idylle. Ein Scheinleben in einer überdimensionierten Seifenblase. Denn während wir beim Warten auf die heißgeliebten Schokowaffeln aus unserer Sicht bereits halb bis ganz verhungert sind, geht eine ganze Familie in Afrika tatsächlich hungrig zu Bett. Eine Welt, die Kopf steht und schon längst nicht mehr im Gleichgewicht ist.

HUNGER! Ein Film von Angela Andersen und Claus Kleber. Im Auftrag des ZDF.

Woanders. Weltweit sind es 815 Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu Essen haben, während 1,9 Milliarden so viel zur Verfügung steht , dass sie an Übergewicht und krankmachender Fettleibigkeit leiden. Das Problem – kein Neues. Eine besorgniserregende Wende gab es dennoch. So ist die Zahl der Hungernden seit 1990 stetig gesunken, heuer jedoch das erste Mal wieder angestiegen. Zusätzlich wurde im Februar im Südsudan eine Hungersnot ausgerufen – die weltweit erste seit sechs Jahren. Warum? Die Gesichter des Hungers sind so vielfältig, die Lösungsansätze noch immer zu wenig strategisch, zu unkoordiniert, zu halbherzig! Interessiert es überhaupt noch jemanden, den Hunger ein für alle Male von unserem Planeten zu verbannen?

Überall. Wir haben genug, produzieren so viel, dass wir ausnahmslos alle Menschen ernähren könnten. Noch nie zuvor wurden weltweit solche Mengen an Getreide geerntet wie 2016. Und dennoch finden nur 43% davon als Lebensmittel Verwendung. Der Rest? Er dient als Tierfutter, wird als Treibstoff eingesetzt oder zu Industrierohstoffen verarbeitet. Vollständig und so effektiv wie möglich als Lebensmittel eingesetzt, könnte Ernten bis zu 14 Milliarden Menschen ernähren. Unbegreiflich, wenn man sich vor Augen hält, dass auf der weniger privilegierten Seite der Welt, dennoch alle 10 Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen des Hungers stirbt. Das muss aufhören! Es kann nicht sein, dass es uns möglich war, jegliches Gemüse, jede noch so exotische Frucht überall und zu jeder Zeit zur Verfügung zu stellen, den weltweiten Hunger mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln aber nicht in den Griff zu bekommen. Hunger ist das größte lösbare Problem der Welt, es wird Zeit, dass sich hier endlich etwas tut.

Quellen:
Daten und Fakten aus dem Weltagrarbericht
Informationen von der Website der Welthungerhilfe
Weitere Zahlen und Fakten aus dem World Food Programme
Foto: ©Christina Hauszer