Femizid – Und wie sieht es in Österreich aus?

Jede fünfte Frau in Österreich hat Gewalterfahrung – und die Coronakrise hat nicht unbedingt dabei geholfen, diese erschreckende Tatsache zu ändern. Nach dem ersten Lockdown gab es immerhin um 20% mehr Wegweisungen als zuvor, was alles andere als eine geringe Steigerung ist. Selbstverständlich hat das auch seinen Grund: Mehr Zeit denn je gemeinsam auf kleinem Raum zu verbringen, finanzielle Nöte und der Entfall von Möglichkeiten zur Kanalisation von Wut und Aggression tragen schnell dazu bei, dass die Gewalt in ohnehin schon angespannten Beziehungen schneller denn je eskaliert. Und in viel zu vielen Fällen endet die Gewalt gegen eine Frau mit Mord durch Partner oder Expartner, einem Femizid. Deswegen ist es also auch gerade jetzt notwendig, nicht wegzuschauen, sondern viel eher anzupacken und das zu richten, was momentan schief läuft. Wo man dafür anfangen könnte und was dringend erforderlich ist, um Femizide zu verhindern, beantwortet uns die ehemalige unabhängige Frauenbeauftragte und Stv. Vorsitzende des Friedensbüros Barbara Kasper.

 Welche Maßnahmen und Einrichtungen gibt es derzeit, die dabei helfen sollen, Femizide zu vermeiden?

Generell gibt es allgemeine Gewaltschutzeinrichtungen in allen österreichischen Bundesländern, dazu auch Einrichtungen speziell für Frauen wie etwa Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser oder auch TARA, den Notruf für vergewaltigte Frauen.

Ist der Blickpunkt auf Femizide rein als physisches Gewaltthema zu eng gefasst?

Es gibt verschiedene Formen der Gewalt, körperliche, sexualisierte, psychische und vor allem strukturelle Gewalt*. Der physische Mord ist erst die letzte der Eskalationsstufen hin zum Femizid.

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Es besteht nach wie vor ein gewisser Frauenhass in unserer Gesellschaft. Auch wenn große Schritte hin zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter gemacht wurden, sind vergangene Frauenbilder noch immer präsent (bzw. werden teilweise im Zuge von Migration mitgebracht) gemäß denen Männer ein Bestimmungsrecht über Frauen und Kinder haben und die den Eindruck vermitteln, Männer hätten das Recht Macht und Kontrolle über Frauen auszuüben. Femizide sind demnach also keine Beziehungstaten, viel eher geht es dabei um Machtfragen und soziale Position.

Inwiefern versagt das System momentan dabei, Femiziden entgegenzuwirken?

Schaut man sich Österreich im Vergleich zum Rest der EU an, sieht es wirklich schlecht aus.  Österreich ist Spitzenreiter, was die Anzahl von Femiziden betrifft. In Österreich gibt es schlichtweg nicht genug Maßnahmen, weder um individuelle noch um strukturelle Gewalt zu bekämpfen. Für die Fraueneinrichtungen gab es im letzten Jahr etwa 14 bis 15 Millionen Euro, davor gab es ganze zehn Jahre lang keine einzige Erhöhung des Budgets. Derzeit betreut eine Beraterin ungefähr 300 Klientinnen, Beratung, Betreuung und Begleitung kann so nicht ausreichend angeboten werden. Notwendig wäre ein Vielfaches der bisherigen Investitionen, Gewaltschutzorganisationen sprechen von 200 Millionen €.

Welche Maßnahmen sollte die Politik in Österreich schnellstmöglich ergreifen? Welche präventiven Maßnahmen wären hilfreich?

Ganz wesentlich wären zum Beispiel die Fallgespräche** zwischen Polizei und Gewaltschutzeinrichtungen. In der letzten Regierungsperiode wurden diese Fallgespräche abgeschafft, inzwischen wurden sie wieder eingeführt, werden aber nicht wirklich genutzt. Das heißt, es wird dort, wo man vorher hinschauen könnte – zum Beispiel bereits mehrere Wegweisungen des Mannes oder Aufenthalte der Frau im Frauenhaus – nichts oder nicht genug unternommen.

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In letzter Zeit ist außerdem aufgefallen, dass viele Frauen erschossen wurden. Hier wäre es zum Beispiel ratsam, einem Waffenbesitzer sämtliche Waffen abzunehmen, sobald eine Wegweisung stattgefunden hat. Es ist also besonders wichtig, dass die offiziellen und die unterstützenden Organisationen stärker zusammenarbeiten, und dafür muss eben auch Geld in die Hand genommen werden. Gleichzeitig ist es auch notwendig, dass nicht nur für die Polizei, sondern auch für die Justiz Schulungen zur Sensibilisierung stattfinden. Gewalt wird oft  nicht erkannt oder verharmlost . Ein Indiz dafür könnte die geringe Verurteilungsrate von Gewalttätern sein. Einerseits scheitert das Verhindern von Femiziden momentan daran, dass die Eskalationsstufen häufig nicht als solche identifiziert werden und andererseits Gewalt auch viel zu oft klein geredet wird. Es muss einerseits Frauen individuell geholfen werden, es braucht aber auch politische Maßnahmen für eine grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung. Gewalt gegen Frauen, darf nicht mehr als Kavaliersdelikt gesehen werden und muss als Straftat auf der Skala der Gewalteskalation eingeordnet werden.

 

Hier lassen sich einige wichtige SOS-Notrufnummern sowie auch eine Liste der Frauenhäuser in den verschiedenen Bundesländern Österreichs finden.

 

Anmerkungen

* Die Begriffe körperliche Gewalt und psychische Gewalt sind mittlerweile allgemein bekannt. Sexualisierte Gewalt beschreibt eine Gewaltform, die die Machtposition des Täters (u.U. auch der Täterin) und dessen Zugriff auf das Opfer etabliert und sich durch psychische oder physische geschlechtsbezogene Handlungen äußert. Darunter fallen Einschüchterung, Belästigung, Vergewaltigung und andere Handlungen. Strukturelle Gewalt bezeichnet ungleiche (gesellschaftliche) Verhältnisse, die Menschen in ihrer Entwicklung behindern oder sogar bedrohen bzw. deren Sicherheit nicht garantieren können.

**Im Zuge der Fallgespräche koordinieren sich die beteiligten Organisationen, die die Situation der jeweiligen Frau/Familie und deren Umfeld genau beleuchten und Maßnahmen und Unterstützungsmöglichkeiten definieren, die der Betroffenen helfen, sich aus der Gewaltsituation zu befreien bzw. diese zu schützen.

 

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Quellen:

Beitragsbild: Foto von Kat J auf Unsplash

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