Femizid: Interview mit Mag.a Petra Leschanz vom Frauenservice Graz – 1/2

Dass Femizid in Österreich momentan ein heiß diskutiertes Thema ist, weiß jeder, der in den letzten Monaten nicht jedes einzelne Medium der Berichterstattung gemieden hat. Eines ist natürlich klar: Femizide sind ein schreckliches Phänomen, dem auf jeden Fall entgegengewirkt werden muss. Aber wie schlimm steht es eigentlich tatsächlich um Österreich im Hinblick auf die Femizidrate? Wo kommt es am wahrscheinlichsten zu einem Femizid? Wer sind die Täter? Um Antworten auf all diese Fragen zu finden, haben wir uns an Mag.a Petra Leschanz gewendet, die im Frauenservice Graz für Rechts- und Frauenberatung sowie auch für Erwachsenenbildung zuständig ist.

Wie schaut es in Österreich hinsichtlich der Femizide aus? Wie in anderen Ländern?

Hierzu ist gleich einmal zu sagen, dass es mit statistischen Zahlen zu Femiziden eher kompliziert aussieht. In Österreich ist es zum Beispiel eine unabhängige Frauenorganisation, die die aktuelle Statistik zu den Femiziden schon seit Jahren verlässlich führt. Von offizieller Seite her sind die Statistiken sehr mangelhaft, da Mordstatistiken in Österreich beispielsweise nicht im Detail ausweisen, wie nah das Verhältnis zwischen Mordopfer und Täter war – stattdessen wird nur angegeben, dass ein Naheverhältnis der beiden bestand, nicht aber, ob es sich dabei um einen Partner oder Ex-Partner handelt. Weil also die Statistik des Innenministeriums diese große Lücke aufwies, haben die autonomen Frauenhäuser in Wien schon vor Jahren damit begonnen, eine Statistik zu führen, die sich auf die Medienberichterstattung stützt. Wir sehen also allein schon an der Entstehung dieser genaueren, österreichischen Statistik, dass es schwierig ist, Länder miteinander zu vergleichen, da nicht alle Länder offizielle Daten dazu angeben, wie viele Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet wurden. Was für uns daraus folgt, ist, dass es ganz wesentlich ist, dass offizielle Stellen die geeigneten Auswertungen vornehmen, damit man sich eines großen gesellschaftlichen Problems auch bewusst werden kann. Es kann nicht sein, dass es Frauenorganisationen wie den autonomen Frauenhäusern in Wien über Jahre hinweg überlassen wird, eine derart wichtige Statistik mühsam aus einzelnen Medienberichten zusammenzustellen.

Bild von Oberholster Venita auf Pixabay

Was unterscheidet die Länder mit hoher Femizidrate von denen mit niedriger?

Die Vorgeschichte eines jeden einzelnen Frauenmordes ist eine komplexe, wenn man sich die individuelle Ebene anschaut. Gleichzeitig kann man aber auch sehen, dass überall in Europa eine hohe Rate von Morden an Frauen durch Partner und Ex-Partner vorliegt, also ein gesamtgesellschaftliches Problem besteht. Dies ist allerdings ein Problem, das sehr in die Tiefe wirkt und auf die Grundhaltungen der Gesellschaft zurückzuführen ist, worauf wir auch vermehrt den Fokus richten wollen. Natürlich geht es um die Erhebung von Faktoren, wie es in einer Einzelsituation dazu kommen konnte, dass eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet wurde, damit man aus dem Einzelfall auch ableiten kann, wie dieser Fall zu verhindern gewesen wäre, wofür momentan noch viel zu wenige Ressourcen vorhanden sind. Allerdings geht es auch gesamtgesellschaftlich darum, zu erkennen, was die Grundlage dafür ist, dass (Ex-)Partner ihre (Ex-)Partnerinnen ermorden – umgekehrt betrachtet wird dieses Phänomen immerhin so gut wie überhaupt nicht gesehen. Wäre dies der Fall, so müsste man sich nur die Einzelfälle ansehen. Hier geht es aber um eine gesamtgesellschaftliche Schieflage, hier geht es ganz stark um die Rollenbilder, die noch immer tief in unseren Gesellschaften eingegraben und verwurzelt sind. In manchen gesellschaftlichen Gruppen sind diese stärker sichtbar, in manchen weniger. Während es also in manchen gesellschaftlichen Gruppen nach wie vor akzeptiert ist, in einer sehr abschätzigen Art und Weise über Frauen zu sprechen, geschieht dies in anderen Gruppen eher hinter vorgehaltener Hand. Grundsätzlich geht es jedoch immer um die Entwertung von Frauen, also darum, dass Frauen als Statusobjekt, Besitz und Untergeordnete des Mannes betrachtet werden. Überall dort, wo derartige Gedankenmuster weiter existieren können, wird es in letzter Konsequenz dann auch Situationen oder Dynamiken geben, wo Männer mit diesem Mindset auch bis zum Äußersten gehen: Das „Eigentum“, das einem entgleitet, wird so sehr als Eigentum gesehen, dass man dieses auch zerstören und auslöschen darf. Wir reden hier also von tief eingegrabenen patriarchalen Zuständen, die mehr oder weniger deutlich auch durch die einzelnen Gesellschaftsschichten nach außen treten – das Problem selbst ist aber ein gesamtgesellschaftliches und besteht überall in Europa.

Foto von Vincent Garnier auf Unsplash

In welchen gesellschaftlichen Schichten kommt es am ehesten zu einem Femizid?

Hier gibt es ein großes Gefälle in der medialen Berichterstattung: Je nach sozialer Schicht, in der ein Mord passiert, kommen sehr unterschiedliche Termini zur Verwendung. Allein die Differenzierung nach Staatsbürgerschaft ist eine sehr fragwürdige – kommen beispielsweise betroffene Frauen aus einem muslimischen Kontext, ist sehr schnell das Etikett des Ehrenmordes da, während es bei denjenigen, denen man keine Fremdheit zuschreiben kann, eher von einer Familientragödie oder einem Beziehungsdrama die Rede ist. Derartige Begrifflichkeiten zeigen schon, dass hier ganz unterschiedliche Erklärungsmodelle angeboten werden, die auch verschleiern, dass der Grundimpuls dahinter immer derselbe ist, nämlich das Besitzdenken der Frau gegenüber und die Absicht, mit dem Mord einen Gesichtsverlust auszugleichen. Wir selber verwenden nicht den Begriff „Ehrenmord“, da dieser solch ein starkes Othering betreibt, also dass bestimmten Gesellschaftsgruppen zugeschrieben wird, dass derartige Gewalttaten nur in diesem Kontext passieren.  Tatsächlich ist es so, dass die Absicht, mit dem Mord an einer Frau einen Gesichtsverlust auszugleichen, zu rächen oder zu sanktionieren, in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommen kann, vom Akademiker bis zum Arbeiter. Wir sehen auch eine erschreckend hohe Anzahl von Morden an Frauen im hohen Alter, als Frau ist man also weder als Teenager, noch als junge Mutter, aber auch nicht als Pensionistin davor gefeit, vom (Ex-)Partner brutal ermordet zu werden. Es gibt daher eine furchtbar hohe Bandbreite an Täterprofilen, wo die einzige Konstante, die wir erkennen können, diese patriarchalen Grundhaltungen im Denken sind, von denen sich keine einzige gesellschaftliche Schicht ausnehmen kann.

Foto von Metin Ozer auf Unsplash

Hat die Immigration tatsächlich so eine Auswirkung auf die Anzahl der Femizide, wie es von manchen Medien dargestellt wird?

Ich verstehe gut den Impuls, dass man für eine derart schreckliche Tat, den Mord an einer Frau, eine Erklärung finden möchte. Es ist aber fatal, da nach den scheinbar einfachsten Erklärungsmustern zu greifen, weil sie zu einer verheerenden Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen führen und gleichzeitig auch verhindern, dass man wirklich hinschaut und reflektiert, was in der Gesellschaft schiefläuft. Jede einzelne Frau, die ermordet worden ist, verdient Beachtung und eine genaue Analyse der sozialen Herkunft und Biografie, die eben auch eine der Migration oder der Flucht sein kann. Selbstverständlich ist es so, dass die Ausformungen der Herabsetzung der Frau in unterschiedlichen Gesellschaften sehr unterschiedlich sind, aber was wir auch in der Beratungsstelle beobachten, ist, dass dies nur einer von vielen Faktoren ist, die bei der Analyse von Gewalt gegen Frauen relevant sind. Dieser Faktor verdient zwar Beachtung, ist aber nur einer unter vielen anderen Faktoren, die mindestens genauso viel Beachtung brauchen. Wir plädieren dafür, dass patriarchale Erscheinungsformen in ihrer Vielfalt Beachtung finden und auch gesamtgesellschaftlich angegangen werden. Die einfache Lösung, zu sagen, es sind “diese anderen”, die ihre Frauen ermorden, was dann in logischer Konsequenz zu Forderungen wie “dann muss man diese anderen eben entfernen, um das Problem zu lösen” führt, ist ein fataler Kurzschluss, der viele Menschen sehr verletzt und gleichzeitig auch Frauen gefährdet, da wir nicht auf die eigentlichen Ursachen schauen.

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Quellen:

Beitragsbild: Vitaliy Rigalovsky auf Unsplash

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