Faire Mode statt Wegwerfkleidung

 

Gemusterte Shorts, Blusen mit wallenden Volantärmeln, Streifen- oder Wickelkleider. In den Auslagen der Modehäuser, in Magazinen oder auf riesigen Plakaten und Displays an Bus- und Straßenbahnhaltestellen sind sie zu sehen – die Must Haves der Saison. Waren es damals nur zwei Kollektionen pro Jahr, sind es heute fast 52. Jede Woche kommt etwas Neues in die Läden. Jede Woche ein weiterer Anreiz, etwas zu kaufen, den eigenen Kleiderschrank weiter aufzufüllen. Die Art, der Grund weshalb wir Kleidung kaufen, hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Ein neues T-Shirt hier, eine schöne Hose da und das Kleid für zehn Euro kommt auch noch mit. Über 80 Milliarden Kleidungsstücke wandern jährlich über den Verkaufstisch oder aber in unseren virtuellen Einkaufswagen im Netz. 80 Milliarden weltweit. 400% mehr, als noch vor zwanzig Jahren. Wir kaufen nicht mehr ausschließlich, weil etwas gebraucht wird, die Hose irreparabel und die Jacke zu klein geworden ist. Heute dient Shoppen hauptsächlich der Belohnung. Es ist zu einer Art Lebensgefühl geworden. Mode als Statussymbol. Glückseligkeit durch Konsum. So jedenfalls verkauft es der Handel.

Kleider machen Leute
Stimmt das wirklich? Entscheidet Kleidung tatsächlich, wer wir sind, wie wir in weiterer Folge behandelt werden? Oder sollte der Satz nicht eigentlich umgekehrt verstanden werden? Geht es dabei vielleicht doch um die Menschen, die unsere Kleidung tatsächlich machen? Leute machen Kleider? Wer sind sie? Unter welchen Umständen werden Hose, T-Shirt und Co. überhaupt produziert? Stellen wir uns diese Frage manchmal? Made in China, India oder Bangladesch. Wir haben uns längst schon daran gewöhnt. Doch was bedeutet das eigentlich? Warum wird gerade dort produziert? Was macht diese Länder so attraktiv? Gründe gibt es viele. Die Arbeitskräfte sind billig. Sehr billig. In Bangladesch zum Beispiel gibt es kein Tarifrecht – also keinerlei Verträge, die die Rechte und Pflichten der Angestellten über Lohnhöhe, Arbeitszeit oder Arbeitsbedingungen regeln. Der Mindestlohn ist besonders niedrig. Mutterschaftsurlaub oder Pensionsanspruch gibt es nicht.

Billiger, es geht noch billiger!
Wenn der Mindestlohn gezahlt wird, heißt das noch lange nicht, dass die Menschen auch davon leben können. Im Gegenteil. Während der existenzsichernde Lohn genau das macht, was er aussagt – eine Existenz, ein Leben sichern, ist der Mindestlohn lediglich ein gesetzlich vorgeschriebener Betrag, also das was unter allem Umständen ausgezahlt werden muss. Viele Unternehmen rühmen sich damit. Sie würden fair vergüten, eben den Mindestlohn zahlen. In welchem Verhältnis dieser jedoch zum existenzsichernden Lohn steht, wird oft verschwiegen. Und genau hier liegt das Problem. In Kambodscha zum Beispiel entspricht der Mindestlohn nur einem Viertel des existenzsichernden Einkommens.

Die Arbeit wird in Länder ausgelagert, die in der Produktion kostengünstig ausfallen, da wo am Ende der größte Profit zu holen ist. Es sind Regionen, die kaum Beachtung finden, oft auch unbekanntere Orte, fernab der Kontrolle und Gesetzesüberprüfung. Länder in die keiner schaut. Da wird nicht nur ein Auge kräftig zugedrückt!

“Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.” – Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 23, par. 3.

Wer nun glaubt, mit dem Kauf von „Made in Europe“-Produkten das Problem gelöst zu haben, irrt. Auch in Europa gibt es sogenannte Sweatshops – Ausbeuterbetriebe, die sich hinter dem Namen jenes Kontinents verstecken, der sonst gerne selbstbewusst andere Kontinente an den Pranger stellt, die Menschenrechte einfordert. Doch genau diese werden auch hier mit Füßen getreten. Nicht alles, was in Europa hergestellt wird, ist automatisch fair. Im Gegenteil.

Auch in den zur Zwischenproduktion wichtigen Ländern Südost- und Osteuropas liegt der Mindestlohn weit unter dem existenzsichernden Einkommen. In Bulgarien, Mazedonien oder Rumänien ist es ein Fünftel dessen, was eigentlich zum Leben benötigt wird. Hier ist der Mindestlohn sogar niedriger als in China! Ganze 1,4€ bekommt eine Näherin in Bulgarien pro Stunde. Es geht also nicht nur um das Land, in dem produziert wird. Die pauschale Aussage, Asien wäre der einzige Ort moderner Versklavung trifft hier nicht mehr zu.

 

Heute müssen wir genauer hinsehen. Aufmerksam sein. Die Produktionsorte unter die Lupe nehmen. Den Preis hinterfragen. Ist es tatsächlich möglich, ein fünf Euro T-Shirt anzubieten, das unter angeblich fairen Bedingungen hergestellt wurde? Wie viel bleibt den Näherinnen und Nähern am Ende wirklich? Welche unsichtbaren Rohstoffe sind in die Produktion geflossen? Wasser, Chemikalien, Energie – Ressourcen, die oft nicht mitgerechnet werden, irgendwo, irgendwann aber doch zum Tragen kommen. Wenn Flüsse derart verunreinigt werden, dass ganze Dörfer erkranken, die Biodiversität sinkt und Fischereierträge schwinden. Wenn Kinder in den Fabriken arbeiten, anstatt in die Schule zu gehen und dabei ein volkswirtschaftlicher Verlust entsteht. Es sind versteckte Kosten, die am Ende jene tragen, die ohnehin nichts haben.

Bewusst einkaufen, Produktionsbedingungen hinterfragen, Unternehmen anschreiben, nachfragen, vielleicht sogar auf den nächsten Einkauf verzichten. Wir müssen nicht von heute auf morgen ausschließlich fair Fashion tragen. Es sind die kleine Dinge, die auch etwas bewegen können!

 

 

Quellen & Infos:

Die Website Fashion Revolution kämpft für mehr Transparenz in der Modeindustrie. Unter der Rubrik “Who Made My Clothes” können Modeunternehmen angeschrieben, um Auskunft gebeten werden. Aktiv sein, selbst zur Veränderung beitragen!

Am FairStyria-Tag am 26. Juni geht es neben vielen anderen Themen auch um Menschenrechte und faires Einkommen. Informationen und Programm gibt es hier. 

Infos über den Existenzlohn gibt es auf der Website der Clean Clothes Kampagne.
The True Cost Movie – Ein Film über die Kleiderindustrie (auch auf Netflix).
Ist “Made in Europe” gleich fair? Eine Podcast-Folge von DariaDaria zum Thema Lohn.

 Symbol © Friedensbüro Graz