Wohnen, das nicht an der Wohnungstüre aufhört

Julia Fröhlich wohnt in einer Wohnung im Grazer Herz-Jesu-Viertel.                                       Die Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnen ist für die Architektur-Absolventin und Mitbegründerin des wohnlabors alltäglich präsent. Auf ihrem französischen Balkon gedeihen derzeit Zinnien, Astern und Pfefferminze.

Julia, wie würdest du beschreiben, dass du wohnst?

Julia: Ich wohne mit meinem Partner in einer kleinen Wohnung. Sie ist 45 Quadratmeter groß und befindet sich im 6. Stock. Wir haben einen Wohn-/Essraum und einen Schlafbereich. Ich vermisse es, keinen begehbaren Balkon zu haben. Dafür haben wir eine feine Aussicht und schöne Räume.

Das Wohnen in dem großen Mehrparteienhaus reduziert sich auf die Wohnung selbst. Sie befindet sich in St. Leonhard, in der stark befahrenen Merangasse, in der mit hoher Frequenz Rettungsfahrzeuge in Richtung LKH vorbei brausen. Wenn man sich ausruhen möchte, nimmt man diesen Lärm stark wahr.

Was ist dir im Wohnumfeld wichtig?

Julia: In Graz ist es mir möglich, mit dem Rad schnell auf der Uni oder im Büro zu sein.  Ich schätze kurze Wegstrecken und attraktive Radwege. Meine letzte Wohnung ist direkt am Murradweg gelegen. Das sind vielleicht Kleinigkeiten, aber an meinem jetzigen Wohnort spüre ich, dass die Kombination aus Straßenbahn, ihren Gleisen und dem Autoverkehr, das Radfahren eher unangenehm macht. Die Gehsteige sind eng und manchmal durch Mülltonnen verstellt. Spaziergänge im Slalom machen weniger Spaß. Direkt vor unserer Haustüre parken sehr viele Autos. Ich stelle es mir schwierig vor, sich den Weg mit einem Rollstuhl oder Kinderwagen zum Eingang zu bahnen.

Es ist schön, dass es in meinem Wohnumfeld einige Lokale gibt und wir auch nahe am Kaiser-Josef-Markt wohnen. Außerdem ist es fein, dass der Leechwald oder der Rosenhain gut erreichbar sind. Die Nähe zu diesen Grünräumen ist ein Pluspunkt, weil unsere Wohnung keinen eigenen Außenraum hat. Das ist neben der knappen Wohnfläche ein Grund für mein Gefühl, an meinem derzeitigen Wohnort noch nicht ganz angekommen zu sein. Es fühlt sich wie eine Zwischenstation an.

Manchmal gäbe es Dinge, die ich mit den Nachbar:innen im Haus diskutieren möchte, aber es fehlt die Hausgemeinschaft, an die man das adressieren kann. Beispielsweise, dass die Leute immer wieder Restmüll in die Biotonne werfen. Das würde ich in einer Gemeinschaft, in der man gewohnt ist, sich auszutauschen, einmal ansprechen.

Ich hätte die Energie, das Umfeld meiner Wohnung liebevoller zu gestalten. Im Stiegenhaus selbst ist das aber aus Brandschutzgründen nicht erlaubt. Außerdem gehe ich jeden Tag an dieser tristen Grünfläche neben dem Hauseingang vorbei. Da war vor einiger Zeit noch Rasen. Mittlerweile ist es nur mehr eine Erdkruste, wo da und dort etwas Unkraut wächst und einzelne Pioniergehölze wieder keimen. Wahrscheinlich wäre es möglich, mich diesem Fleckchen Erde zu widmen und es zu bepflanzen, aber eine wenig motivierte Hausverwaltung und der fehlende Kontakt zur Hausgemeinschaft sind trotzdem zu große Schwellen. Auch als Mieterin sind meine Gestaltungsfreiheiten eingeschränkt und das hat Folgen: ich habe vor kurzem in einem Artikel gelesen, dass das Zugehörigkeitsgefühl erst dann entsteht, wenn man aufhört, Bewohner:innnen wie Konsument:innen zu behandeln. Wenn man ihnen anbietet, Verantwortung zu übernehmen, gäbe es weniger Vandalismus, weil die Leute sorgsamer mit den Räumen umgehen.

Wie hat sich Wohnen für dich im Laufe deines Lebens verändert?

Julia: Wohnen ist etwas ganz Komisches (lacht). Ich weiß gar nicht, ob man immer wohnt. In manchen meiner Wohnungen habe ich mich vielleicht nur zu Gast gefühlt. Wohnen ist für mich in seiner Idealform auch etwas, das nicht auf ein paar Räume beschränkt und durch eine Tür vom Rest der Welt abgegrenzt ist. Für mich wohnt man nicht nur in einer Wohnung oder einem Haus, sondern bis zu einem gewissen Grad an einem Ort. Damit meine ich das unmittelbare Umfeld, mit dem man sich identifiziert.

In meiner Kindheit hat Wohnen nicht an der Wohnungstüre geendet. Ich habe mich bis an den sichtbaren Horizont zu Hause gefühlt (lacht). Ich habe es sehr genossen, dass dort der Wald war, die Wiesen, die Hügel, auf denen wir im Winter gerodelt sind und die Büsche, in denen wir mit den Nachbarskindern gehockt sind. Diese Welt haben wir für uns erobern können.

Im Zentrum allen Entdeckens ist das Haus gestanden, von welchem sich die Welt aus aufgespannt hat. Wir sind in einem Einfamilienhaus der 90er Jahre aufgewachsen, das auf einer bestehenden Landwirtschaft erbaut wurde. Dieses Leben in einem Dreigenerationenhaushalt, in dem Familie intensiv gelebt worden ist, war für mich sehr prägend. Es war ein sehr offenes Haus, da sind viele Leute ein und aus gegangen. Nachbarn, Nachbarskinder, Großfamilienmitglieder sind oft spontan aufgetaucht und später haben Pflegerinnen meiner Oma bei uns gewohnt. Spannend ist, dass ich mich im Haus meiner Eltern nach wie vor zu Hause fühle, obwohl ich wenig Zeit dort verbringe.

Wie wohnst du in deinen Träumen?

Julia: Das ist eine Frage, die mir nicht ganz fremd ist, die aber trotzdem wahnsinnig schwierig zu beantworten ist (lacht). Im wohnlabor beschäftige ich mich mit dem Wohnen und es ist aus meiner Sicht sehr wichtig, im Wohnen das Gewohnte zu hinterfragen. Es geht darum, Bedürfnisse von Menschen in den Blick zu nehmen, die sich in einer wandelnden Gesellschaft ja ständig weiterentwickeln und neben Marktanforderungen oftmals untergehen. Ich denke als Architektin auch an die Bausubstanz und an die Räume. Wohnraum ist nicht billig und muss langfristig geplant werden. Fehlentwicklungen können nicht leicht rückgängig gemacht werden, weshalb es einer verantwortungsvollen Auseinandersetzung bedarf.

Zurück zum Traum! Im utopischen Traum geht es wohl um die Überlagerung von Gegensätzen – Nähe und Infrastruktur auf der einen und Ruhe und Freiraum auf der anderen Seite. Oder dass ich die vielen Freunde, die in unterschiedlichen Städten wohnen von zu Hause aus zu Fuß erreichbar wären, ein schnelles gemeinsames Mittagessen ganz einfach wäre.

Mein Traum ist aber in vielerlei Hinsicht sehr realistisch. Für mich ist ein Traum, nicht im Auto sitzen zu müssen, um arbeiten oder jemanden treffen zu können. Ich habe das Bedürfnis nach einer hochwertigen Bausubstanz und schönen Wohnräumen – wertvoll aber nicht unbedingt teuer. Der Traum ist auch, nicht isoliert zu sein und möglichst konfliktfrei zu leben. Ich möchte im Grünen leben. An einem Ort, den ich mir aneignen kann. Für mich ist ein Stadtpark manchmal bedauerlich, wo man einfach nur sitzen darf (lacht).

Das hängt wahrscheinlich mit meinem Wohnstil zusammen. Ich werke gerne, ich koche und produziere gerne: ich hätte gerne eine Werkstatt und eben einen Garten, in dem ich graben und pflanzen kann. Anderes als mein Partner: der kann sich vorstellen, den Liegestuhl in der Sonne aufzuklappen, ein schönes Buch zu lesen und alles nur zu genießen. Und das sage ich ganz wertfrei (lacht).

 

Beitragsfotos von Julia Fröhlich